„Melancholia“ – Eine Filmkritik


Wenn ein neuer, innovativer Film in die Kinos kommt – gerade die Art von Film, die man allgemein auch als Kunstfilm bezeichnen kann – dann ist das Gejubel meistens ziemlich groß. Der Film wird als neues Meisterwerk gelobt, als Film, der viele Fragen stellt und der den Zuschauer am Ende ratlos darstehen lässt, ein Film, der aufwühlt, der die tiefsten Gefühlt im inneren des Menschen anspricht und zugleich mit großen Bilder und musikalisch einmaligen Eindrücken für ein Filmerlebnis der Extraklasse sorgt. Die Rezensenten zu dem Film überschlagen sich, voll des Lobes für das großartige Werk.

Und Leute, die den Film nicht gut fanden? Die werden häufig – gerade in Foren – als unintelligent beschrieben, als solche, die die Überlegenheit des Films nicht verstehen, als solche, die besser bei „Stirb Langsam“ und „Blutig Schlachten und Morden IV“ bleiben sollten, anstelle sich solche Werke anzusehen, die sie sowieso nicht verstehen. Kein-echter-Schotte Argumentation. Schwach, aber als totschlagendes Argument zu gebrauchen.

Ich möchte mich in diesem Beitrag dazu äußern, warum ich den Film NICHT gut fand und ihn mir freiwillig wohl kaum ein zweites Mal ansehen werde. Dazu muss gesagt werden, obwohl ich sonst eher das Unterhaltungs- und Trivialkino mag, bin ich mit dem Gefühl in den Film gegangen, dass er mir doch gefallen wird. Und so groß ist meine Abneigung, gegenüber weniger trivialer Filme, wie etwa „2001 – Odyssee im Weltraum“ oder „Eyes Wide Shut“, nicht so ausgeprägt. Zudem bin ich auch Ungewöhnlichem gegenüber durchaus aufgeschlossen.

Aber genug der Vorrede, auf zur Filmkritik:

„Melancholia“ beginnt eindringlich. Einzelbilder, in Zeitlupe, alle sehr desaströs und apokalyptisch anmutend. Unterlegt mit der dramatischen Musik von Wagners Overtüre zu seiner Oper „Tristan und Isolde“ sorgt der Film in den ersten Minuten beim Zuschauer für eine Untergangsstimmung sondergleichen.
Immer wieder untermalen Bilder aus dem All, genauso bedrohlich wie die anderen, die Szenerie. Schon der Anfang zeigt, wo die Gefahr droht und das direkt in doppelter Hinsicht. Einmal im direkten bildlichen Sinne, die Gefahr aus dem All, einmal aber auch aus dem Einsamkeit des Menschen im All, aus der unendlichen Leere zwischen den Planete und vielleicht auch als Bild für die Leere zwischen den Menschen. Aber danach folgt vor allem eins: Storyleere.

Eine Hochzeit, die schief geht, eine Planet, der die Erde rammen könnte (rammt) und jede Menge Gefühle, Depressionen und Ängste, dass sind die Motive des Films. Aber nicht wirklich eine Geschichte, die konstant die Spannung halten kann. Zudem torpediert Lars von Trier seinen eigenen Film mit einer völlig hanebüchenden Rahmenerzählung. Ich habe per se nichts gegen Filmen, in denen die Leute vor Depressionen zergehen, in ihrer eigenen Gefühlswelt nichts anderes mehr finden als Leere und Angst und die einen derart pessimistischen Blick auf die Welt haben, dass man sich fragt, ob es da überhaupt noch einen Sinn gibt, zu leben.
Lars von Trier konstruiert jedoch eine weltumspannende Bedrohung, auf die er seinen Figuren aufbaut. Der Zusammenstoß der Erde mit einem Planeten, der ohne jegliche Begründung, auf die Erde treffen soll. Dies ganze garniert er mit Artikeln aus dem Internet. Dass Planet X wohl nicht existiert und die im Film gezeigte Flubahn eines solchen Planete selbst für Laien merkwürdig erscheint, lässt der Regiesseur und gleichzeitig auch Autor vollständig außer Acht. Das wirkt sich bei einem Film, der sonst alles in sehr realistischem Licht erscheinen lassen möchte, merkwürdig aus – ja, man könnte sagen, lächerlich. Es spricht nichts gegen unrealistische Rahmenhandlungen, nur darf dann der Rest des Films nicht auf die Realität pochen und auch gar nicht den Anspruch daran stellen. Aber genau dies scheint der Regisseur hier zu versuchen.

Manche Kritiker bezeichnen „Melancholia“ (übrigens ein sehr merkwürdiger Name für einen Planeten) als Science-Fiction (zumindest die Kommentatoren tun dies des öfteren). Nur vermisse ich vor allem die „Science“ in diesem Film. Nicht jeder Film, der was mit Planeten und dem Weltraum zu tun hat, ist ein Science-Fiction im eigentlichen Sinne. Dazu gehören im weitesten Sinne auch Veränderungen der Gesellschaft durch die Technik und häufig auch eine genauere wissenschaftliche Beschreibung derselben. Star Wars wird deshalb häufig als Grenzfall angesehen, da sowohl eine gesellschaftliche Veränderung als direkter Handlungsrahmen fehlte, als auch die technische Komponente. Aber dazu ein anderes Mal. „Melancholia“ erfüllt weder die Komponente der gesellschaftliche Veränderung (und eine depressive Familie mit Todesängsten zählt da nicht) noch den technischen Aspekt. Welcher Planet schleicht sich schon nach dem Vorbeiflug von hinten wieder an? Höchst merkwürdig.

Lobenswert sind in jedem Fall die schauspielerische Leistung, insbesondere von Kirsten Dunst – das muss man zugestehen – als auch die gewaltigen Bilder, die Lars von Trier genau einzusetzten weiß. Doch ab einer gewissen Menge von Bildern wird es zu viel. Es ähnelt jenen Romane, die unbedingt bedeutsam sein wollen und deshalb möglichst viele (unverständliche) Passagen einbauen. Nicht nur unverständlich, weil man – wie etwa bei Romanen von Goethe, Heine oder Kleist – in einer anderen Zeit lebt, sondern unverständlich, weil sie symbolisch zu überfrachtet ist. Da ist die Brücke, über die das Pferd Abraham nicht gehen will und über die auch später der Golfcaddy nicht fahren möchte. Es gibt Deutungsmöglichkeiten. Es könnte der Weg in ein anderes Leben darstellen, die Flucht vor dem selbst, die einem letztlich nicht gelingt, die Auswegslosigkeit aus dem Leben nicht entkommen zu können oder auch als Sinnbild dafür, dass man dem Schicksal nicht entrinnen kann. Aber so beeindruckend und so gruselig die Brücke auch immer sein mag, es geht in der Menge der Bilder unter, die alle ihre eigene Deutung erfahren können, aber letztenendes immer auf der Leere beharren, auf der Hoffnungslosigkeit, die sich alsbald nicht nur durch Justine, die Protagonistin, gespielt von Kirsten Dunst, sondern auch durch den Rest der Familie zieht. Es wurde nach 60 Minuten einfach zu viel. Zu viel Bilder, zu viel gewaltige Bilder, zu viele depressive Monologe.

Ein weiterer Kritikpunkt ist die Musik. Wagners Overtüre selbst ist kein Fehlgriff, aber da es das einzige Stück in dem Film bleibt, geht es nach dem vierten oder fünften Hören auf die Ohren des Zuschauers. Es wird keine Abwechslung geboten in der Monotonie des Gewaltigen. Sowohl was Wagner betrifft, als auch die Bilder. Das mag man toll finden, muss man aber nicht.

Fazit:

Lars von Triers „Melancholia“ mag ein Meisterwerk sein, aber ich denke nicht, dass es allen Menschen so gehen wird. Das mag pauschal klingen, aber worauf ich hinaus will, ist folgendes: Der Film selbst bietet nicht genügend Anreize, um ihn – anders als etwa 2001: Odyssee im Weltraum – auch noch in zwanzig oder dreißig Jahren zu sehen. Dafür müssen Filme mitreißen und spannend inszeniert sein. So ist die Anfangsszene – um einen Vergleich zu ziehen – von Stanley Kubriks Meisterwerk zwar langatmig und ähnlich musikalisch unterlegt wie Tiers (nämlich mit klassischer Musik) so ist der Rest des Films jedoch nicht nur in Bildern, sondern auch in der Geschichte ein Meisterwerk. Sei es in Hal 9000, dem fühlenden Computer, oder in der Haupfigur Dave, die zum Schluss eine besondere Offenbarung erlebt, der Film bleibt die ganzen 143 Minuten über spannend. Etwas, was ich bei „Melancholia“ wirlich vermisst habe. 130 Minuten dauert der Film, er hätte prima auf 100 Minuten gekürzt werden können, ohne viel zu verlieren (außer einige Bilder).

Zudem muss ich auch festhalten, dass wir mit fünf Leuten in diesem Film im Kino waren. Wir sind alle nicht dumm oder ungebildet, wir haben alle eine Schwäche für Literatur aber bei vieren von den fünfen hat der Film nicht besonders viel Eindruck geschindet. Man blieb eher mit einem Schulterzucken stehen und fragte: „Und?“ Da wurde dann über das ein oder andere Bild kurz diskutiert, aber nicht so, wie ich es zuerst erwartet hatte. Stehen geblieben sind wir bei der Frage: „Was soll der Film uns sagen?“ Und keiner hatte darauf eine Antwort, die zufrieden gestimmt hatte. Denn als Fazit zu ziehen, dass die Welt schlecht ist, ist weder neu, noch innovativ. Und ratlos stehen lassen, dass sollte weder ein Buch noch ein Film den Leser oder Zuschauer.

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3 Kommentare zu “„Melancholia“ – Eine Filmkritik

  1. mglarev sagt:

    He, nichts gegen Blutig Schlachten und Morden IV, das ist mein Lieblingsfilm. Ansonsten Zustimmung.

  2. befilmt sagt:

    Ich mochte Melancholia. Er ist wunderbar gespielt, und hat wunderschöne Bilder. Natürlich ist er schwerfällig und man geht depressivaus dem Kino, aber das ist von Trier. Man geht in keinen von Trier Film wenn man das nicht weiß.
    Warum muss jeder Film eine Aussage haben? Ich meine, wie viele Hollywoodblockbuster haben eine? Es gibt so viele Filme über den Untergang der Welt, und immer hats die Menschheit iwie geschafft das abzuhalten. Hier nicht. Es gibt bedrohliche Dinge da draußen im Weltall, Dinge die uns jederzeit zerschmettern können. Von Trier zeigt uns, dass sowas passieren kann, nd dann ists aus. Da brauchts keine Aussage. Life ends
    Dass das Leben an sich schlecht sei, halte ich dagegen für übertrieben geschmacklos (ich hasse auch Dunsts Rolle, die spielt so großartig, aber Justine würde ich in einen Raum sperren und tagein tagaus nur schlagen, so am Sack ist sie mir gegangen). Aber auch das ist von Trier, er ist ein depressiver alter Sack, der nur pessimistisch ist. Auch bedeutungsschwangere Bilder sind sein Ding.
    Ich mag den Fokus auf die enge Familie, weit abseits von der Zivilisation. In den Städten hättest du Massenpanik, Tode, Raubzüge. von Trier gibt mit der Wahl seines Ortes ein Art Idyll vor.

    Ich will nicht sagen dass Melancholia der beste Film aller Zeit ist (dieser Titel wird weiterhin bei 2001 verbleiben), ich sage nur, dass er gut ist. und einmal was anderes zeigt.

  3. Kristina sagt:

    Ach wie nett, Du hast mich erwähnt! 😉 Ich steh dazu: Ich mag Bilder. Allerdings hab ich jetzt ein Wagner-Trauma. Und das mit der Planetenbahn: Man könnte sich vorstellen, es sei ein riesiger Meteorit oder so… dann geht das schon.. oder es einfach lustig finden….

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