Die Rechtschreibung der Jugend – und die politische Vorstellung des Hans Zehetmair


Heute mal was zu einem Artikel – bzw. (ha, eine Abkürzung) zu einem Artikel außerhalb der Aachener Nachrichten und insbesondere auch zu dem Herren, auf dessen „Mist“ dieser Artikel mehr oder minder gewachsen zu sein scheint: Klick Mich.

Quelle: Wikimedia, Autor: Wolf-Dieter; Unter CC-Lizenz

Da hätten wir also den Herrn Hans Zehetmair. Ehemaliger Staatsminister für Wissenschaft und Kunst (von 1989 – 2003) der sich darüber echauffiert, dass die Rechtschreibung der heutigen Jugend so katastrophal wäre. Dies macht er – vereinfacht gesprochen – vor allem an der Schriftsprache im Internet und im SMS-Verkehr fest. Durch Abkürzungen wie HDL, lol und Co. würde sie Sprache der Jugendlichen zu einem Untergang der Rechtschreibung werden – und damit des christlichen Abendlandes. Mehr dazu im Artikel.

Zunächst mal wird in diesem oben angegebenen Artikel bereits deutlich, dass es dazu durchaus andere Positionen gibt und das es keinesfalls so ist, dass durch SMS- und Internetsprache ein „Sprachverfall“ eintritt, sondern ganz klassisch ein Sprachwandel. Wie er immer und immer und immer wieder stattfindet.

Durch veränderte Wortbedeutungen (ganz klassisches Beispiel ist hier das Wort „geil“), durch Einflüsse anderer Sprachen (früher Französisch, heute Englisch) und viele, viele andere kleine Dinge. Das dann heute Abkürzungen auftauchen, ist also per se nicht weiter verwunderlich, schaut man mal über den eigenen CSU-Tellerrand hinaus (Achtung, Polemik).

Aber weniger dazu. Vieles von dem, was der Herr Zehetmair im Artikel von sich gibt, lässt sich leicht am eigenen Wissen mehr oder minder wiederlegen. Jeder, der schon mal Stefan Wolf gelesen hat – TKKG, wer mit dem Autorennamen nichts anfangen kann – der weiß, dass jede Generation so seinen eigenen Sprachgebrauch hat. Was heute „mega“, „geil“ und „alder“ sind, dass waren früher eben andere Wörter. Wer die Großeltern und Eltern reden hört, dem wird das genauso klar werden.
Man muss die Veränderung der Sprache nicht gut heißen, aber sie zu diffamieren, in dem man auf Sprachverfall und die Jugend schimpft, ist auch nicht der richtige Weg.

Viel schöner finde ich jedoch, was der Herr in anderen politischen Fragen von sich gibt und ich zitiere hier mal aus dem Wikipedia-Artikel über den Herrn Zehetmair:

Anfang 1988 verordnete Zehetmaier, dass zukünftig alle Unterrichtsfächer „die religiöse Dimension der Gegenstände einbeziehen“ sollten. Unter seiner Verantwortung erhielten bayerische Grundschüler je eine Wochenstunde Musik- und Kunstunterricht, während pro Woche drei Stunden Religionsunterricht vorgesehen war. Der Umfang des Religionsunterrichts für Gymnasiasten und Hauptschüler belief sich auf zwei Wochenstunden, während diesen gleichzeitig nur eine Stunde für Geschichte und Sozialkunde zur Verfügung stand.“

Die Hervorhebungen stammen von mir.
Beachtenswert: herr Zehetmaier hat Geschichte und Sozialkunde studiert.

Noch was Schönes aus seiner Zeit als Wissenschaftsminister im schönen Bayern:

„Nachdem der religiöse „Freundeskreises Maria Goretti“ gefordert hatte, den Kinderbuch-Klassiker „Der Krieg der Knöpfe“ von Louis Pergaud aus dem Kanon bayerischen Schulliteratur zu entfernen, weil in ihm die Kopulation zweier Hunde beschrieben wird, kam Zehetmair den Forderungen nach“

Und ich dachte, das hätte sich in den 80er Jahren schon etwas – auch in Bayern – modernisiert.

oder auch seine Haltung gegenüber der „modernen Frau“:

„Während seiner Amtszeit erklärte Zehetmaier in den 1980er Jahren, dass zum Frauenbild, das Bayerns Schulbücher vermitteln sollen, die moderne Frau gehört, die im Gebet Halt findet.“

Schön, nicht wahr? Die moderne Frau soll im Gebet halt finden. Das sind uralte Ansichten und sind sicherlich auch für die moderne Frau in Bayern in den 80er Jahren veraltet waren. Obwohl es da noch so einige merkwürdige Ansichten gab. Zu seiner moralischen Sexualvorstellung muss glaube ich an dieser Stelle nicht mehr viel gesagt werden, aber das es lange Zeit in bayrischen Schulbüchern keine Abbildungen von nackten Menschen sondern nur eine Art von „Strichmännchen“ gab, braucht nicht weiter erklärt werden. Findet sich aber ebenfalls im Wikipedia Artikel.

Richtig, richtig toll fand ich jedoch seine Haltung zur Homosexualität:

Quelle: Wikimedia; Autor: ShakataGaNai and Rama; Unter CC-Lizenz

„Homosexualität bezeichnete er 1987 im Bayerischen Fernsehen als „contra naturam […] und im Grunde [..] krankhaftes Verhalten“ und ergänzte, dass „dieser Rand […] ausgedünnt werden [muß].“
Zehetmaier hatte im selben Jahr bereits zuvor den Aids-Erreger als „Symptom einer maroden Gesellschaft“ bezeichnet und Homosexualität im „Randbereich der Entartung“ verortet. Er empfahl auch in diesem Zusammenhang erneut: „Das Umfeld der ethischen Werte muß wiederentdeckt werden, um diese Entartung auszudünnen“.

Auch hier sind die Heraushebungen von mir.
Ich glaube dazu muss nicht mehr viel gesagt werden.

Natürlich sagen diese Zitate und die Tatsache, dass er Lehrer, die wohl eine andere Ideologie hatten, als die der CSU, wohl am liebsten entlassen hätten, nichts direktes über sein Engagement im „Rat für deutsche Rechtschreibung“ aus, aber ich finde es bedenkenswert, dass sich so ein Mensch, der sich in den 80ern und 90ern gegen Reformen und Modernisierungen stemmte, wie der Damm gegen das brausende Meer, sich heute – zwanzig – dreißig Jahre später, immer noch solch ein Gehör findet. Ich sehe in solchen Menschen, die Homosexualität als Krankheit sehen und modernen Frauen im Gebet, sind diejenigen, die jegliche Veränderung, jegliche Modernisierung ablehnen. Bei dene alles am liebsten so bleibt, wie es ist und die eine Veränderung ihrer alten Gewohnheiten nicht tolerieren können. Dazu gehört wohl auch die deutsche Sprache. Das sich Sprache in einem kontinuierlichen Wandel befindet, ist nicht abzustreiten, auch nicht, dass Martin Opitz im Barock bereits gegen den Einfluss der französischen Sprache wetterte. Gebracht hat es im Endeffekt wenig. Viele deutsche Wörter stammen immer noch aus dem Französischen, wie etwas „Karosserie, Thermometer und Büro.“ Tja, und mit letzterem Wort wohl auch die „Bürokratie.“
Das es viele unnötige Anglizismen gibt, bleibt unbestritten, aber man kann sie weder wegdiskutieren, noch verbieten. Sprachwandel kommt – und geht. Es bleibt nie etwas gleich. Daran muss man sich gewöhnen, genauso wie an den CSD, den es mehr oder minder schon gab, als Zehetmair seine antihomosexuellen Ressentiments von sich gab (ha, noch ein französisches Lehnwort).

Ich möchte hier jetzt nicht sagen, was manche wohl über die Sprechweise von Herrn Zehetmair denken, man weiß ja, wie CSU und CDU Politiker auf sowas reagieren. Aber ich glaube, die meisten werden es sich wohl denken können.

Schade finde ich es, dass es einer Zeitung nicht gelingen möchte, neben den Aussagen im oben verlinkten (ha, ein Anglizismus) vernetzten Artikel, auch auf frühere Aussagen zu verweisen. Die würden dann nämlich deutlich machen, dass sich der Herr Zehetmair vermutlich gar nicht richtig damit auseinandergesetzt hat, was Sprachverfall ist und warum die „deutsche Jugend“ so spricht, wie sie spricht.

HEL.

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