Google Street View


Ich muss zugeben: Ich liebe Google Street View. Ich liebe es, weil ich mir den Aufbau von Orten ansehen kann, an denen ich noch nie gewesen bin. Ich liebe es, weil ich mir Orte ansehen kann, an die ich vermutlich nie kommen werde und ich liebe es, weil es mir mehr hilft, als ein Stadtplan. Es ist hilfreich, wenn man jemanden besuchen will, der in einer fremden Stadt wohnt. Man kann sich die Umgebung der z.B. Bushaltestelle ansehen und dann den Weg zum Bekannten schon mal virtuell abgehen. Zwar mögen sich Details verändert haben, aber große Gebäude bleiben in der Regel stehen. So kann man in etwa abschätzen, wie lang die Wegstrecke ist und auf welche markanten Punkte man achten muss. Es ist hilfreicher, als einen Stadtplan zu betrachten.

Nun birgt Google Street View auch Nachteile. Zunächst einmal sind die Fotos alle schon etwas älter, was den Betrachter, gerade bei Baustellen, aus dem Konzept bringen kann. Dann sind natürlich auf den Fotos auch Menschen zu sehen oder große Wohnhäuser. Manche Menschen wollen nicht gesehen werden. Manche Autos wollen sich auch lieber nicht vor dem örtlichen Bordell sehen lassen.
Dafür hat Google eine Verpixelungsmöglichkeit eingeräumt. Menschen und Autokennzeichen werden ohnehin verpixelt. In Deutschland auch Häuser. Weil die ja sonst keiner sehen kann.

Nun ist einem Mann in Frankreich was echt dummes passiert. Er steht so, mir nichts dir nichts, in seinem Vorgarten, da kommt das Google Street View Auto vorbei und macht ein Foto. Klick. Und der Mann ist beim Pinkeln im eigenen Vorgarten erwischt. Google Street View reagiert, wie bei jedem anderen Foto auf dem ein Mensch ist auch, und verpixelt den Herren. Dieser klagt jetzt. Denn anhand der Fotos und der damit verbundenen Adresse könnten die Nachbarn (und Leute darüberhinaus) erkennen, wer da im Vorgarten steht und uriniert.

Er kann ruhig klagen. Wenn er das möchte. Aber ist es das, was er will? Er bekommt jetzt sogar Aufmerksamkeit in deutschen Zeitungen (Spiegel). Hehe, jetzt weiß nicht nur die Nachbarschaft, dass er in den Vorgarten pinkelt, nein, die halbe Welt. Und man kann ja nicht davon ausgehen, dass jetzt keiner das entsprechende Foto googelt. Schön gepflegt bei Google Street View.

Aber betrachtet man sich das ganze mal aus Googles Perspektive: Da sind Millionen, wenn nicht gar Milliarden Fotos gemacht worden. Und diese Millionen Fotos von Menschen durchsuchen zu lassen, ist nahezu unmöglich. Irgendwann sieht man da den Mensch vor lauter Menschen nicht mehr (also auf den Bildern).
Die Software arbeitet in den meisten Fällen zuverlässig. In den Fällen, in denen sie es nicht tut, kann man sich bei Google melden (etwa im Falle eines Autos, dass aus dem Eingang zu einem Bordell herausgefahren kam und dabei fotografiert wurde. Heute ist das gesamte Auto, bei dem zunächst vergessen worden war, das Kennzeichen zu verpixeln, verpixelt) und dann wird nachgeholfen. Dass man neben der Verpixelung des Mannes schwerlich etwas machen kann (in Frankreich gibt es meines Wissens nach auch nicht die Hausverpixelungsklausel, die in Deutschland existiert), ihn unkenntlich zu machen, liegt meines Erachtens auf der Hand.

Darüber hinaus: Wer in seinen eigenen Vorgarten pinkelt, der von der Google Street View Kamera einsichtigt ist (und damit vermutlich auch von Häusern, die gegenüber liegen, von großen Menschen und Co.) ist meiner Meinung nach doch irgendwo selbst schuld, oder?
Das man nicht in den Vorgarten pinkelt, auch nicht in den eigenen, sollte doch eigentlich klar sein. Und das man dabei von wem auch immer gesehen werden kann, liegt auch auf der Hand.

Zudem finde ich es auch in anderen, ähnlich gelagerten Fällen, ein Unding, wenn – in der Regel Männer – meinen, in die Gegend pinkeln zu müssen. Wer muss, der muss, aber doch bitte nicht am Straßenrand oder in einem irgendwie einsehbaren Vorgarten. Vor allem, da in der Regel auch französische Häuser einen Toilette haben. Das an dieser Stelle Google verklagt wird, kann ich zwar irgendwie nachvollziehen, andererseits aber nicht gut heißen. Ich würde mich in der Situation vielleicht ähnlich verhalten, dass räume ich ein. Aber würde ich in meinen eigenen Vorgarten pinkeln? Nein. Und wenn man mich dabei erwischt, ja, dann hätte ich einen hochroten Kopf, würde versuchen, privat mit Google zu kommunizieren, aber in jedem, ja absolut jedem Fall versuchen, die Presse rauszuhalten. So ist das doch noch viel peinlicher, weil es die ganze Welt erfährt. Und ich glaube kaum, dass es seiner Bekanntheit als Vorgarten-Pinkler entgegensteuert. Ich weiß, dieser Blogartikel ist da nicht besser, aber ich wollte es doch mal gesagt haben.

Ein anderer Kritikpunkt, den ich hier kurz ansprechen möchte, bezieht sich auf die Verpixelung von Häusern.
Einerseits kann ich den Wunsch nach Privatsphäre verstehen. Andererseits ist es mir als Privatperson immer noch möglich, das Haus als solches zu fotografieren und etwa bei Panoramio zur Verfügung zu stellen. Zack, ist das Haus wieder da. Nein… ich mach sowas nicht.
Was ich allerdings nicht gut heißen kann, ist die Praxis, dass eine Beschwerde reicht.
Stellen wir uns vor, in Haus X leben 10 Mietparteien und eine hat was dagegen, bei Google Street View aufzutauchen. Es reicht, wenn sie einer beschwert, auch wenn neun andere die gepflegte Hausfront bei Google Street View sehen wollen. Das halte ich, alles in allem, für bedenklich.
Im Übrigen sehe ich weniger ein Problem des Schutzes von Häuserfronten vor Google, als vielmehr die Gefahr, die durch Vorratsdatenspeicherung und ACTA droht. Die sind eher privatssphärenverletzend, als ein paar Bilder der Hausfront.

 

UPDATE: Ich hatte das noch nicht mitbekommen, aber im April 2011 hat Google verkündet, keine weiteren Fotos mehr aus Deutschland einzustellen. Schade. Man sollte vielleicht mal überlegen, warum.

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3 Kommentare zu “Google Street View

  1. Kristina sagt:

    „Menschen und Autokennzeichen werden ohnehin verpixelt. In Deutschland auch Häuser. Weil die ja sonst keiner sehen kann.“ Hehe.
    „Was ich allerdings nicht gut heißen kann, ist die Praxis, dass eine Beschwerde reicht.
    Stellen wir uns vor, in Haus X leben 10 Mietparteien und eine hat was dagegen, bei Google Street View aufzutauchen. Es reicht, wenn sie einer beschwert, auch wenn neun andere die gepflegte Hausfront bei Google Street View sehen wollen. Das halte ich, alles in allem, für bedenklich.“
    Evalein! Ich halte das für alles andere als Bedenklich sondern für vorbildlich! Wieso, weshlab, und warum, dürfte Dir klar sein. Wenn nicht, dann lies nochmal, was Du geschrieben hast, fühle Dich in meine Denkweise ein und Du hast es. 😉
    Übrigens meine ich mal was gehört zu haben von wegen, man dürfe Bilder von Privathäusern eigentlich auch nicht „einfach so“ online stellen… aber das kann gut und gerne ein Gerücht gewesen sein, weil das ja irgendwie gar nicht geht. Schon allein, weil man dann immer alles wegretuschieren müsste.

    • Der Punkt ist, dass der einie Mieter vollkommen alleine darüber entscheiden kann, ob er das Haus verpixelt haben möchte, oder nicht.
      Es wäre ja rein theoretisch andersherum genauso möglich: Der Vermieter hat sich massiv für eine hübsche Fassade und einen hübschen Vorgarten eingesetzt und freut sich, sein Haus bei Google SV derart anpreisen zu können und dann kommt ein Mieter und sagt määh will ich nicht. Weil wegen is nicht.
      Ich meine, wenn der da nackt im Fenster posiert, ist das vielleicht noch die eine Sache, aber das dürfte bei weitem nicht bei allen Häusern in den Städten, die in Deutschland bisher zu sehen sind, der Fall sein.

      Die Panoramafreiheit gilt übrigens für JEDES öffentlich zugängliche Gebäude in Deutschland. In deinem abgeschotteten Hinterhof darf keiner fotografieren, die Hausansicht von vorn jedoch schon.
      Sollten sich Personen im Bild befinden, sind diese nur dann „verboten“, wenn sie nicht als Beiwerk da sind, sondern im Fokus des Bildes stehen. Das dürfte bei einem Foto von einem Vorgarten, wobei noch nicht einmal dieser direkt Zielobjekt der Aktion (sprich: Google SV wollte ja nicht den Vorgarten dieser einen Person fotografieren, sondern die ganze Umgebung) war.
      Damit ist es eigentlich immer erlaubt, solche Aufnahmen zu veröffentlichen.

      Und was im Vorgarten pinkeln anbelangt: Ja, klar darf der in den eigenen Vorgarten pinkeln. Da sag ich nichts. Und nachts darf er das natürlich auch. Der Punkt ist: Er muss eigentlich damit rechnen, dass ihn von irgendwo irgendjemand sieht. Das man das Haus gegenüber, oder auch der Wagen sein, der vorbei fährt.

      Und wer von uns kann schon behaupten, er hätte noch nie einen Mann an der Autobahn, an einer Wand o.ä. pinkeln sehen? Wer öffentlich meint, sein Geschäft erledigen zu müssen (und von der Pariser U-Bahn fang ich hier gar nicht erst an), der muss m.E. damit rechnen, dabei gesehen zu werden.
      Das man dabei auf Zelluloid gebannt werden kann, ist mist. Da gebe ich dir ja recht. Aber ist es für den Mann besser, Google gleich zu verklagen?
      So hat er massive Publikumswirkung und alle, die das Bild kennen wissen jetzt ganz genau, wer da geklagt hat. Und noch mehr Leute wissen, das er in seine Vorgarten pinkelt.

      Und ehrlich gesagt glaube ich auch, dass die Nachbarn das vermutlich längst wissen.

  2. Kristina sagt:

    achso… eines noch: Wer ist denn so blöd und parkt direkt vor dem Bordell? Da geht man zu Fuß hin! Zumindest ein paar Meter.
    Und noch was: In den Vorgarten zu pissen ist sicherlich nicht so fein, aber es ist a) der eigene Vorgarten gewesen und b) seine Sache. Außerdem… …. okay, ich brech mal ab, bevor ich hier Ankedoten aus meinem Leben erzähl.

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