Batman – Das Geschäft des Bösen


Originaltitel: The Ultimate Evil

Erschienen bei Carlsen Comics im Jahr 1997, Originalcopyright 1995. Es ist nach einem Roman von Andrew Vacchs, die Comicumsetzung ist von Neal Barrett Jr., die Zeichnungen (Bleistift/Tusche) von Denys Cowan und Prentis Rollins

Inhalt:

Das Heft beschäftigt sich mit einem schwierigen Thema. Während er eine Jugendamtsmitarbeiterin begleitet, stößt er eher zufällig auf einen Kinderporno- und Sexring, der sowohl . Als er diesem nachgeht, bekommt er von Alfred das Tagebuch seiner Mutter überreicht, in dem er etwas über seine Mutter herausfindet, was er nicht erwartet hätte….

Kritik:

Allgemein:

Die meisten alten Hefte, die ich im Laden kaufe, sind Spontankäufe. Daher bin ich Carlsen doch recht dankbar für ihre Klappentexte. Und dieser lies eine sehr spannende Geschichte erwarten.
Leider wurde ich enttäuscht. Ich möchte hier nicht viel näher auf die Darstellung der Pädophilie eingehen, es sei nur gesagt, dass ich, genauso wie die meisten anderen, deren Ausübung verabscheue, egal in welcher Form. Pädophile Handlungen jeglicher Art sollten jedoch mit der höchstmöglichen Strafe belegt werden, Aufklärung sollte besser werden und Opfer eine bessere Betreuung erfahren. Vacchs Tätigkeit als Anwalt für insbesondere missbrauchte Kinder- und Jugendliche sollte vor dem Hintergrund nicht unbeachtet bleiben.

Umgang mit der Figur:

Betrachtet man sich Vacchs Umgang mit Batman, merkt der geneigte Batman-Kenner schnell, dass er sich doch auf dem Terraine nicht so gut auskennt, als das man davon sprechen könnte, dass er ein stimmtes Charakterbild kreiert. Ich kenne viele Hefte, in denen Batman einwenig „out of character“ erscheint. Die meisten davon sind eher episodenhafte Darstellungen eines freundlichen Bruce Wayne, der mit unterpriviligierten Kindern zelten geht. Sie sind „out of character“ und die Autoren wissen das, vielleicht macht sie das so liebenswert. Bei Vacchs ist dies nicht der Fall. Nicht nur, dass Batman mit der Mitarbeiterin des Jugendamtes in die Wohnung kommt, sondern auch dass er zusieht, wie ein Mann einen anderen erschießt. Auch wenn es sich bei dem Erschossenen um den eigentlichen Bösewicht handelt, reicht es m.E. nicht, Batman nacher darüber sinieren zu lassen, dass er es hätte verhindern könne.
Auch ist es völlig unglaubwürdig, dass Batman, als der große Detektiv von Kindesmissbrauch nicht die geringste Ahnung zu haben scheint. Nein, es wirkt glatt so, als habe er sie all die Jahre vollständig ignoriert. Das wirkt fast so, als habe Vacchs niemals zuvor ein Batman Comic in der Hand gehabt.
Hier spricht glaube ich eher Vacchs eigener Selbstjustizwunsch – der sich laut Wikipedia wohl auch in vielen anderen Werken finden lässt – als eine koherente Gestaltung des Charakters innerhalb ihrer bekannten Grenzen. Daraus ergibt sich ein weiteres Problem des Werks: Es ist völlig irrelevant, ob da nun Batman handelt, oder The Mighty Superhero XY oder ein kleiner Privatdetektiv. Es spielt keine Rolle. Es ist austauschbar. Sehr schade.
Auch die „Umgestaltung“ von Martha Wayne will mir nicht ganz gefallen. Auch wenn es rein theoretisch passt – viel ist über sie ja nicht bekannt – so scheint es doch unwahrscheinlich, dass sie ein Tagebuch über Kindersextourismus führt, und dann nicht dafür sorgt, dass es nach ihrem Tod an jemanden kommt, der handeln kann. Für eine angeblich so gegen Sextourismus und Kindesmissbrauch angehende Frau, scheint die wenig passend.

Batmans Gefasel

Auch Batmans Gefasel (entschuldigt dieses Wort, aber es fühlt sich für mich genauo so an) davon, er habe nicht gegen „das Verbrechen“, sondern gegen „Verbrecher“ gekämpft, ist letztenendes doch inhaltsleer. Würde Batman gegen „das Verbrechen“ kämpfen, dann würde er nicht so handeln, wie er es im Heft tut, sondern das Übel bei ihrer Wurzel packen. Und das ist nicht das Reisen in ein anderes, selbstverständlich asiatisches Land und das Aufmischen des dortigen Kindersexbarons. Man müsste die Ursachen, Leid, Elend, Armut, Arbeitslosigkeit bekämpfen. Und so ist doch Vacchs bei seinem Versuch, Batman das Verbrechen bekämpfen zu lassen, letztenendes beim „Verbrecher“ bekämpfen geblieben.
Dies wird erst recht deutlich, wenn er Batman nach Udon Khai (jenem ostasiatischen Land) reist, um den Sextourismus dort zu beenden. Er trifft auf Dorfbewohner, die Kinder aus ihrem Dorf an die entsprechenden Zuhälter in die Großstadt verkaufen. Er trifft dort auf einen Mann, der ihm erzählt, warum der Vater seine Tochter verkaufte: „Dieser Mann hat neun Kinder. Neun. Wie soll er sie ernähren? Der Mohn wächst hier nicht gut.“ Auf die Frage, was dieser Mann tun soll, um seine Familie zu ernähren, hat Batman die ungemein platteste Antwort, an die ich mich in einem ernstgemeinten Batman-Comic erinnern kann. „Ich würde meine Kinder nicht mit dem Blut ihrer Schwestern oder Brüder ernähren. Wäre ich an seiner Stelle, würde ich stehlen.“ Wunderbar. Als ich diesen Satz las – er steht am Ende eine Seite und den Blick nach oben auf die nächste wandte, wusste ich schon, was der Dorfvorsteher antwortet. Hatte er doch darauf hingeweisen, dass die Gegend arm ist: „Krieger. Hier gibt es nichts zu stehlen.“ Und was macht Batman dann? Er ruft zu einem bewaffneten (!) Konflikt auf, er ruft quasi dazu auf, zu töten. Das passt nicht zu Batman. In keinster Art und Weise. Denn er nimmt den Tod vieler Leute in Kauf, auch derjenigen, die die eigentliche Bosse beschützen, vielleicht mit den Taten als solche gar nichts zu tun haben. An dieser Stelle habe ich mich gefragt: Ist Vacchs eigentlich daran interessiert, eine gute Geschichte zu schreiben, oder will er seinen eigenen, persönlichen Kampf auch in die Welt von Batman einbringen, obwohl sie dort gar nicht hinpasst?

Der Titel:

Der deutsche Titel ist okay. Keine wortwörtliche Übersetzung aber annehmbar und wie ich finde ausnahmsweise besser als das englische Original. Warum? Bei allem Ekel, den der Missbrauch von Kindern auslöst, kann ich nicht sagen, dass es das „ultimative Böse“ ist. Wie sieht es aus mit der Vergewaltigung und des Mordes an einer Frau? Wie sieht es aus mit einem Mord aus Habgier? Einem Mord an einem Kind? Ich möchte damit keinesfalls Kindesmissbrauch relativieren. Aber ich möchte zu bedenken geben, dass es viele Dinge gibt, die als das „Ultimativ-Böse“ bezeichnet werden können. Ob Batman hier tatsächlich gegen das Ultimativ-Böse kämpft, wage ich zu bezweifeln. Vielleicht auch deshalb weil Vacchs mir nicht ausdifferenziert genug arbeitet.

Fazit:

Die Zeichnungen sind okay (mehr aber auch nicht).
Aber der Rest? Ich kann nur noch mal sagen, dass ich enttäuscht bin. Ich hatte mir sehr viel mehr von dem Heft erhofft, ja ich hatte eine gute Auseinandersetzung erwartet, ein Packen des Übels bei der Wurzel und zwar auch in der Behebung der Probleme als solche. Was habe ich bekommen? Meines Erachtens nach die Wut eines us-amerikanischen Anwalts, der mit Hilfe des großen Namens Batman auf seinen eigenen Kampf aufmerksam machen will. Ich schätze Menschen, die sich für die Rechte von Kindern und Jugendlichen einsetzten und ich achte Menschen, die den Kampf gegen Kinderpornographie und Kindesmissbrauch aufnehmen. Ich habe kein Problem damit, dass solch ein Thema, auch in seinen vielen unschönen und erschreckenden Aspekten, in Batman-Comics seinen Platz findet. Aber die Machart gefällt mir nicht.
Es wäre vielleicht ein besserer Weg gewesen, den Kampf in Gotham zu belassen. Oder zumindest zu versuchen, das Elend zu lindern. Da Bruce Wayne im DCU zu den reichsten Männern der Welt gehört, wäre es möglich gewesen, genau dort anzusetzen. So hätte er dem Vater, der zu Anfang wegen seiner Aussichtslosigkeit dem Alkohol verfällt und seine eigenen Kinder schlägt, einen Arbeitsplatz vermitteln können (und damit mal was sinnvolles getan), er hätte den Menschen in Udon Khai helfen können – oder zumindest einen besseren Vorschlag als „Ihr könnt alles niederschießen“. Denn ploppt (auch wenn Vacchs auf diese Tatsache am Ende verzichtet) doch bei Vernichtung des einen Rings, an der nächsten Ecke ein neuer auf. Es reicht nicht, die „Händler“ auszuschalten. Wichtiger wäre es, die Konsumenten zu bekommen, den Eltern, die ihre eigenen Kinder verkaufen, eine Perspektive aufzuzeigen und dann schön „Batman-Like“ den Ring ordentlich aufzumischen. Ohne dabei auf bewaffnete Guerillas zurückgreifen zu müssen, auch wenn es auf den Blick episch wirkt.
Nein, danke. Schwieriges Thema – und in den Sand gesetzt.

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4 Kommentare zu “Batman – Das Geschäft des Bösen

  1. Charley sagt:

    Was schwerer Missbrauch an einem Kind in der Psyche anrichtet, kann man wohl nur nachvollziehen, wenn man sich mit jemandem intensiv auseinandergesetzt hat, der so was erlebt hat. Ich habe viele Bücher von Vachss gelesen, auch die Geschichte mit Batman. Die Geschichte, die er in diesem Buch erzählst ist nachvollziehbar. Vielleicht ist es ein zu schweres Thema, um es in einem Comic zu verarbeiten, den Comic habe ich nie gesehen.
    Das Buch war wohl nicht als echte Batman-Story gedacht, sondern als Mittel, Kindsmissbrauch in die öffentliche Diskussion zu bringen.
    Soviel zu Vachss, dessen Bücher mir viel geholfen haben, Menschen mit solchen Erlebnissen zu verstehen.

    • Ich kenne die anderen Titel von Vacchs nicht, kann daher also nicht beurteilen, wie er in anderen Texten mit dem Thema umgeht. Der Punkt ist nicht, dass mich sein Umgang mit dem Thema allgemein stört, seine Übersetzung auf Batman passt nur leider gar nicht zu der Figur, derer er sich angenommen hat.
      Und das kann und darf man an einem Comicheft und/oder Buch/Film durchaus kritisieren.
      Ich hatte streckenweise das Gefühl, Vacchs pappt auf seine eigene Geschichte einfach das Siegel: „Batman“ drauf und hofft, sie gut verkaufen zu können. Mir erschließt sich sonst nicht, warum sonst diese Geschichte einen Weg in Batman-Comics gefunden hat. Zudem bin ich mir auch nicht ganz sicher, inwiefern die Geschichte wirklich eine öffentliche Diskussion befeuern könnte. Nur weil Batman drauf steht? In den USA mag das noch einen Ticken besser funktionieren als in Deutschland, aber ob es ein Batmanheft sein muss? Für mich hat das Ganze einfach einen zu faden Beigeschmack um wirklich behaupten zu können, dass Vacchs hier mit dem Medium und vor allem der Figur richtig umgegangen ist.
      Es sei daher noch einmal betont: Der Umgang von Vacchs mit der für ihn vermutlich sehr ungewohnten Figur „Batman“ gelingt einfach nicht und lässt bei mir keinen Funken überspringen. Ich sage nicht (!), dass das Thema allgemein in Batman-Comics nichts zu suchen hat oder das man solche Themen unter den Tisch fallen lassen sollte, sondern lediglich, dass eine Auseinandersetzung mit der Figur in diesem Fall sinnvoll gewesen wäre. Batman ist eine Figur in der Literatur, die bereits seit 1939 existiert, die viele Umdeutungen erfahren hat, die aber in ihren Prinzipien für bestimmte Zeitspannen immer relativ homogene moralische Ansichten vertrat. Das Comic schlägt da einen ganz anderen Ton an, weshalb ich sagen muss: Das Thema hat Vacchs im Zusammenhang mit Batman vergeigt. Mit einer anderen Figur als Helden wäre die Geschichte vermutlich gar nicht mal so schlecht gewesen. Mit anderen Worten: Ich nutze nicht Professor Boerne und Kommissar Thiel aus dem Müsteraner Tatort in einem Sherlock-Holmes-Roman. Charakterlich passt es einfach nicht.

      Nur um das noch einmal deutlich zu machen: Kinderpornographie, Sextourismus mit Kindern, Kindesmissbrauch usw. sind mit die schlimmsten Verbrechen, die ich mir vorstellen kann. Das Thema muss (!) auch in der Literatur behandelt werden (und natürlich auch im Film), aber es gehört mehr dazu ein gutes Stück Comicliteratur zu schreiben, als ein schwieriges Thema zu Papier zu bringen. Ich glaube durchaus, dass Vacchs in der Lage ist, hier großartige Werke zu schreiben. Nur hier, in diesem einen speziellen Heft, passt es vorne und hinten nicht. [Wie ich im Artikel schon mal schrieb: Es ist eigentlich völlig irrelevant, dass der hier handelnde Held „Batman“ heißt, weil von dem, was die Figur Batman auch in den 90er Jahren ausmachte, nicht mehr viel geblieben ist. Und das ist bei so einem Thema einfach schade.]
      Ich hoffe, dass hierdurch etwas deutlich geworden ist, was ich mit dem Text aussagen möchte.

  2. Charley sagt:

    Vielleicht ist hier noch etwas Klärung nötig: Vachss hat ein Buch geschrieben, in dem Batman der Held ist. Das Buch zeigt einen anderen Batman als die Comics von Batman, die ich kenne. Der Grund, warum und wie Batman in den Comics seine Gegner besiegt wurde immer wieder psychologisiert und Vachss scheint in der dunklen Art von Batman einen möglichen Kindsmissbrauch zu erkennen. Im Buch kommt das deutlich rüber, es hat den Schwerpunkt auch eher auf der Auseinandersetzung des Batman mit sich als in der üblichen Batman-Action.
    Seine Geschichte ist nicht von ihm in einen Comic umgewandelt worden, sondern von anderen es steht ja klar drauf „nach dem Roman von“. Er hatte da wohl wenig Einfluss auf die Art der Umsetzung im Comic. Da wird meiner Meinung nach der falsche kritisiert. Macht es Sinn, Michael Ende zu kritisieren, wenn der Film von „Die unendliche Geschichte“ schlecht ist?
    „Hier spricht glaube ich eher Vacchs eigener Selbstjustizwunsch– der sich laut Wikipedia wohl auch in vielen anderen Werken finden lässt“: hier wird Wikipedia falsch zitiert. Laut Wikipedia gibt es Kritiker, die das behaupten. Das wird aber nur durch eine einzelne Buchbesprechung belegt.
    Ich bin da anderer Meinung. Vachss gehts um die Opfer und dass aus einem Opfer ein Täter werden kann, wenn der Missbrauch nicht rechtzeitig aufgedeckt und psychisch verarbeitet werden kann. Bei langjähriger sexueller Gewalt von Knaben wird das erwachsene Opfer oft auch gewalttätig: Als Rächer oder als Täter. Seine Bücher zeigen eine Welt, in der Gewalt zu Gewalt führt und wie die einzelnen Menschen damit umgehen. Sie sind dunkel, aber nicht hoffnungslos. Batmans Selbstjustiz könnte sehr wohl aus einem früheren Missbrauch entstanden sein, dies kommt im Buch klar rüber.

  3. Auch wenn in der Wikipedia nur auf einen Text referenziert wird, heißt es dort: „Kritiker werfen Vachss ein hohes Maß an Gewaltdarstellung und das Propagieren von Selbstjustiz in seinen Erzählungen vor.“ Ergo habe ich nicht so falsch zitiert und ich muss sagen, dass dieses Buch für mich eben auch Selbstjustiz propagiert. Und darüber hinaus gibt es zwei Dingen bei der Wikipedia zu beachten: a) es wird manchmal nur einen Quelle geliefert, obwohl sich mehr finden lassen b) Die verlinkte Kritik geht zwar nur über ein Buch, deutet aber an, dass der Autor mehr Bücher kennt. Aber das ist hier nicht das Entscheidende:
    Der Figur „Batman“ nachzusagen, dass er in jungen Jahre Opfer eines Kindesmissbrauch geworden sein könnte ist – sorry – Unsinn. Dafür wirst du in keinem regulären Comic eine Beleg finden. Das Trauma, welches Batman zu dem gemacht hat, was er ist, ist weit genug ausgestaltet worden. Dass seine Eltern auf der Straße erschossen worden sind und er das mit ansehen musste, der Schwur, den er geleistet hat, die Fledermaus, die durch das Fenster geflogen ist, der Einfluss, den Personen wie Ras al Ghul auf ihn gehabt haben – all das ist zur genüge in Comicheften aller Art breitgetreten worden. Ja, bei Batman wird viel psychologisiert und kann auch viel psychologisiert werden. Das heißt aber nicht, dass man Behauptungen aufstellen kann, die sich ihrerseits in den Heften nicht finden lassen. Es mag zur Geschichte passen, die Vacchs hier erzählt – aber immer noch nicht zu Batman. Und mit der Figur kenne ich mich wirklich aus.

    PS: Ich finde zudem, dass Vacchs sehr amerikanisch an das Problem herangeht, vielleicht sogar etwas zu „platte“ Vorgehensweisen nutzt. Und das gefällt mir nicht, ist aber eine subjektive Sache.

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