Murad


Die folgende Geschichte habe ich für einen Wettbewerb geschrieben – dummerweise aber das Abgabedatum total verschlafen.

Ich finde sie aber nicht so schlecht, weshalb ich sie ganz gerne hier publizieren würde:

Murad 

Krokus

Unter CC-Lizenz, Fotograf: Jörg Hempel

Die Blumen blühen. Es ist Frühling. In den schönsten Osterfarben leuchten die Blumen, die Häuser, die Menschen. Sogar das Blut, welches langsam in der Erde versickert. Sein Name ist Murad, 17 Jahre alt. Schüler der Realschule. Er hat nichts gemacht, davon abgesehen, dass er er selbst gewesen ist.
Zwei Jungen, nur wenig älter als er. Sie sind gekommen, sie haben seine Freundin angemacht. Fatema, das hübsche Mädchen vom Gymnasium, 15 Jahre alt ist sie, trägt ein Kopftuch. Dies hat die Jungen veranlasst, sie anzuspucken, sie am Arm zu greifen, sie festzuhalten und als „Türkenschlampe“ zu bezeichnen. Er hat nur das getan, was jeder getan hätte. Er hat ihnen gesagt, sie sollen aufhören. Einer trug einen Anzug. Kam von einer nur wenige Meter weiter stattfindenden Ansprache der örtlichen Rechtsextremen. Die Menschen haben ihm zugehört. Seriös war er schließlich. Im Anzug. Und mit einer so eloquenten Ausdrucksweise, so gebildet. Der muss recht haben, haben sie gedacht.

Murads Blut läuft an den gelben Krokussen vorbei, die im grünen Gras des Parks stehen.

Sie haben ihn zusammengeschlagen, einer hat ihm ein Messer in den Bauch gestochen. Hat gesagt, er hätte ihm seinen Arbeitsplatz weggenommen. Dabei ist Murad nicht einmal fertig mit der Schule, möchte aber noch dieses Jahr eine Ausbildung anfangen, zum Krankenpfleger. Die Aussichten sind gut, einen Ausbildungsplatz hat er schon. Was hat er getan…
Er hat seine Freundin schützen wollen, hat gesagt, sie sollen sie in Ruhe lassen.
Hat gesagt, er würde die Polizei rufen.
Und dann war da der Schmerz.

Schläge.
Tritte.
Ein Stich.
Dunkelheit

Wie eine große, goldene Kugel, die den Schatz des Lebens in sich trägt, scheint die Sonne vom Himmel herab. Taucht alles in helles Licht. Der blaue Himmel funkelt wie ein großer Edelstein. Glitzernd spiegelt sich das Blau des Krankenwagens und der Polizei.

Fatema ist weggelaufen, hat sich im Gebüsch hinter dem Kindergarten versteckt, sich ganz klein gemacht. Die jungen Männer haben sie nicht gesehen, obwohl sie sie gesucht haben. Sie sind weiter gegangen. Ein Mann hat ihnen nachgeblickt, er muss gesehen haben, dass sie Murad angegriffen haben. Er geht weiter. Fatema beginnt um Hilfe zu rufen. Ein Fenster wird zugeschlagen. Sie greift zu ihrem Handy, will eine Nummer wählen. Der Akku ist leer. Sie wirft das nutzlose Gerät zu Boden, läuft zu Murad.

Das Blut läuft an den Osterglocken vorbei. Fatema sieht die Wunde. Alles ist voller Blut.

Sie schreit, sie schreit, sie schreit.
Und nur wenige Meter entfernt redet ein Mann von der allgegenwärtigen Ausländerkriminalität und dass dies in den Genen und der Kultur läge.
Die wenigen direkten Zuhörer applaudieren. Einige gehen an dem Rasen vorbei, auf dem Murad liegt. Schnatternd schweigen sie.
Eine Frau kommt von links gelaufen. Sie zieht sofort ein Mobiltelefon aus der Tasche, als sie die Schreie hört. Sie sieht Murad. All das Blut.

Sie ruft die Polizei.
Sie ruft den Krankenwagen.
Sie sagen, dass sie nicht wissen, ob Murad überleben wird.
Sie sagen, er sei schwer verletzt worden.

Die Polizei nimmt die Beschreibung der Täter auf. Einen Tag später wird die Zeitung darüber berichten. Fatemas Hinweis auf die Rechtsextremen wird zur Kenntnis genommen.
In der Zeitung steht: Streit unter Jugendlichen.

Die Kommentare:

Wer hat wohl angefangen?
Immer diese Türken.

Und Murad hat einen deutschen Pass – seit seiner Geburt.
Noch piepst das EKG.

Advertisements

Ein Kommentar zu “Murad

  1. Buffy sagt:

    ich hoffe immer noch, das sowas ein Einzelfall ist

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s