Sehr geehrter Herr Klocke – Ein Brief an den verkehrspolitischen Sprecher der Landesregierung NRW


Unter CC some rights reserved  Fotograf: Stephan Kühn

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aus der Rheinischen Post habe ich heute erfahren, dass derzeit eine Diskussion zum Thema Lieferverkehr in deutschen Innenstädten im Landtag die Runde macht.
Ein verkehrspolitisch sicherlich wichtiges Thema, das möchte ich gar nicht bestreiten. Allerdings frage ich mich, ob der Internethandel wirklich das Problem ist – oder ob die Ursache für innerstädtische Staus nicht ganz wo anders liegt.

Zunächst einmal: Ich wohne selbst in einer Innenstadt. Verstopfungen aufgrund von gelben DHL-, braune UPS- oder blauen Hermes-Fahrzeugen habe ich noch nicht erlebt. Ja, die parken manchmal suboptimal, aber in der Regel nicht so, dass dadurch ein anderer Verkehrsteilnehmer so langsam wird, dass daraus quasi immer ein Stau entsteht. Eher ist es so, dass Privatpkw, die „kurz mal jemanden rauslassen“ möchten, ganz normale Lieferwagen, schlecht abgestellte Privatwagen, Busse usw. den Verkehr zum Erliegen bringen. Auch merkwürdige Ampelschaltungen tun ihren Dienst dazu. Hier allein auf den Lieferverkehr zu zeigen, finde ich etwas kurz gedacht.

Sicherlich bestellen heute viele Menschen – ich auch – Sachen im Internet. Doch das aus den unterschiedlichsten Gründen. Die meisten davon dürften aber schlicht und ergreifend keine Lust darauf haben in die Innenstädte zu müssen, die häufig ohnehin verstopft sind – und ich sehe da eher weniger Transportfahrzeuge als vielmehr Privatpkw, Busse, Straßenbahnen (gut, hier in Aachen keine Straßenbahn, dafür um so mehr Busse), Fußgänger, Radfahrer, schlechte Ampelschaltungen (oh ja, davon gibt es in Aachen eine Menge – daran können Sie aber nichts änder) und selbstverständlich auch die ganz normalen Lieferwagen, die Bekleidungsgeschäfte, Bäckereien, Dönerbuden, Restaurants, Kneipen, Buchläden usw. beliefern.
Die gelben Lieferwagen der DHL gehören da eher weniger zu den Störfaktoren.

Auch frage ich mich, wie sich die Diskussionsteilnehmer eine zentrale Abgabestelle vorstellen. Das kann nicht funktionieren.

Gemeinfrei

Gemeinfrei

1. Dann müssen die Leute, die jetzt zuhause sind, nämlich jeder einzeln dorthin, wo das Paket liegt. Entweder passiert das über einen Privatpkw – dann bräuchte man ein entsprechen großen Parkplatz vor dem Lagerhaus – oder über den ÖPVN. Das ist zwar tendenziell schon machbar, für den Verbraucher aber zeitlich wohl kaum machbar. Zudem führt es meines Erachtens nicht zu weniger, sondern zu mehr Verkehr, der vielleicht zunächst aus der Innenstadt raus fährt, aber eine halbe Stunde später auch wieder rein. Darüber hinaus glaube ich nicht, dass Sie (ich meine hier die Regierung/die Diskussionsteilnehmer/den Landtag), diese Idee wirklich an den Wähler herantransportieren können, ohne dass der Ihnen den sprichwörtlichen Vogel zeigt.

2. Wenn ich mir vor Augen führe, wie das schon heute aussieht, wenn man ein Paket in der Post abholen muss – dann graut es mir. Ewig lange Schlangen, z.T. steht man dort mehr als 30 Minuten (dafür reicht die Mittagspause nicht aus), langsame Mitarbeiter, Leute, die nicht wissen, was sie abholen wollen, falsch gelieferte Pakete, falsch beschriftete Pakete, kein Zettel im Briefkasten usw.. Das in einem großen Versandzentrum? Besser kann es nicht werden, eher schlimmer.

3. Die Leute kaufen im Internet in der Regel deshalb ein, weil die Lage in den Innenstädten bereits katastrophal ist. Ich glaube nicht, dass hierfür eine kurzfristige Lösung seitens der Politik überhaupt machbar ist, denn vielfach liegt es am Sortiment des Einzelhandels oder an den Wünschen der Besteller. Auch ist die Lage gerade in kleineren Städten noch angespannter.
Ich – und ich glaube auch viele andere gerade in meinem Alter – habe keine Lust, vier mal in die Stadt zu fahren für einen Gegenstand, der vier mal nicht da ist. Oder auf einen Sache mehrere Tage zu warten, die mir das Internet (welche Händler auch immer) zum nächsten oder spätestens zum übernächsten Tag liefern können.
Erst kürzlich habe ich auf eine Grafikkarte für meinen Rechner fast eine Woche warten müssen. Das geht nicht, wenn man den Rechner dringend benötigt.
Weiter ist es so, dass die Leute auch Sachen bestellen, die eher „exotischer“ Natur sind, die man nur sehr schwer bekommt, und auf dem Land – wo ich geboren worden bin – gar nicht. Zumindest nicht, ohne wiederum wochenlang warten zu müssen.

CC some rights reserved  Fotograf: Horsch Quelle: Wikimedia Commons

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4. Es ist bereits viel zu spät, um eine solche Umstrukturierung zu machen. Bestellt und geliefert wird nicht erst seit vorgestern, sondern schon seit Zeiten von Quelle-, Otto- und Bofrostkatalogen. Die Leute sind es mittlerweile gewöhnt, zu Hause zu bleiben und von dort ihre Blurays, Schuhe (ich habe noch nie Schuhe im Internet bestellt), Katzenkratzbäume, und weiß der Himmel was noch zu bestellen. Das ist auch legitim. Ich habe oben schon gesagt, dass das Einkaufen im Handel nicht immer – vielleicht sogar in den seltensten Fällen – wirklich die Alternative ist. Außer, man weiß genau was man haben möchte und WOHNT günstig. Wenn ich erst eine halbe Stunde bis zum Laden brauche, wo ich das gewünschte Teil bestellen muss, dann überlege ich mir das zweimal. Wenn ich ohnehin am nächsten Tag wieder dorthin fahren müsste, um es abzuholen. (Das wären innerhalb von zwei Tagen auch zwei Stunden Fahrzeit). Und solche Leute gibt es, die sind gar nicht mal so selten.

Sollte es sich bei dieser Idee um eine Idee handeln, die die Innenstädte wiederbeleben soll – na ich weiß nicht. Der richtige Weg scheint mir das nicht zu sein, das Kind ist dafür im Brunnen mittlerweile ertrunken. Einfach auch, weil zwar alle drüber diskutiert haben, aber keiner mal rechtzeitig auf die Idee gekommen ist, ein Seil herunterzulassen.
Man belebt die Innenstadt nicht wieder, in dem man eine eigentlich für den Verbraucher attraktive Lösung meint einstampfen zu können. So sollte Politik auch nicht funktionieren.

Mit freundlichen Grüßen,

Evas Sammelsurium

Ach ja. PS: Wen genau will man damit eigentlich einschränken? Geliefert werden auch Pizzen, Lebensmittel (aus Supermärkten, Bofrost usw.), Essen auf Rädern, Umzugswagen, usw.

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2 Kommentare zu “Sehr geehrter Herr Klocke – Ein Brief an den verkehrspolitischen Sprecher der Landesregierung NRW

  1. Kristina sagt:

    Das etrunkene Kind gefällt. 😀
    Ich habe davon noch ncihts mitbekommen, aber ich werde mich da gleich mal informieren… Wie Du schon sagst, wird aber so viel aus den unterschiedlichsten Gründen an die unterschiedlichsten Privatleute und Unternehmen geliefert, dass das kaum geht…
    Und wenn ich mir vorstelle, dass ich demnächst meine 15 Kilogramm schweren Pakete mit dem Nahverkehr abholen soll… nee

  2. […] ein bisschen passt das zu der “Lieferverkehrthematik” (die jetzt übrigens auch die Aachener Nachrichten aufgegriffen hat), die ich erst neulich […]

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