Kritik am Artikel — Super-Mittwoch: „Online-Wahn: 10 Gründe für den Einkauf vor Ort“


CC some rights reserved Fotograf: Tim "Avatar" Bartel

CC some rights reserved
Fotograf: Tim „Avatar“ Bartel

So die Überschrift in der vorletzten „Super-Mittwoch„, manche würden sagen „der Werbebroschüre“, die hier jeden Mittwoch eintrifft. (Vermutlich wäre so etwas wie „Anzeigenblatt“ die bessere Wahl, Wochenblatt ginge vielleicht auch noch) Es ging darum, dass heute mehr und mehr im Internet gekauft wird und die Innenstädte deshalb unter Leerstand und zurückgehender Kundenzahl leiden.

So ein bisschen passt das zu der „Lieferverkehrthematik“ (die jetzt übrigens auch die Aachener Nachrichten aufgegriffen hat), die ich erst neulich in einem Artikel beschrieben habe.

Ein großer Teil dieser Ausgabe beschäftigt sich mit „Offline-Shopping“ – indirekt: der Rettung der guten alten Einkaufszone.

Aufgefallen sind mir die 10 Gründe, die die Redaktion pro „Offline-Shopping“, also dem Einkaufen vor Ort, nennt. Diese 10 Gründe würde ich hier gerne zerpflücken:

Grund Nr. 1: „Bummeln macht Spaß“

Als Mensch der gerne bummelt, muss ich dem zustimmen. Bummeln macht Spaß. Allerdings müssen wohl die meisten Menschen in ihrem Umfeld nicht lange suchen, um Leute zu finden, denen Bummeln aus diversen Gründen eben gerade keine Spaß macht. Zu voll, zu laut, nicht der gewünschte Artikel vorrätig, zu teuer, zeitraubend, keine guten Öffnungszeiten, keinen Sitzgelegenheiten, Frauen wollen 100 Paar Schuhe anprobieren.
Wie gesagt, ich gehe gerne Shoppen. Für andere ist es der Graus pur und deren Argumente kann ich sehr gut nachvollziehen. Bummeln macht auch nur dann Spaß, wenn man Zeit hat und vielleicht noch wichtiger: Geld. Sonst kann bummeln schnell frustrieren. Also ein subjektives Argument, das sich nicht auf jeden übertragen lässt.

Grund Nr. 2: „Eine persönliche und professionelle Beratung“

Geschenkt. Ja. Die kann man im Einzelhandel bekommen. Aber… will man die überhaupt? Bei vielen Einkäufen, die ich so tätige, brauche oder will ich keine Beratung, keine Verkäufer, die mich beim Betreten des Ladens beäugen und mich fragen, ob er mir helfen kann. Ich bin dann manchmal unangenehm berührt, wenn ich antworten muss: „Ich möchte mich nur mal umschauen“. Zudem: Ich überlege mir in der Regel vorher, was ich haben will, wenn ich nicht gerade wirklich wegen Punkt 1 unterwegs bin – zum Bummeln oder neudeutsch: Shoppen. Zudem halte ich „persönliche und professionelle Beratung“ in mindestens 70% der Fälle für eine Floskeln, die kaum wahr ist. Ich erinnere mich noch gut an die Male, als ich tatsächlich mal Beratung haben wollte und die meistens schlecht und wenig informativ war, bzw. auf meine Wünsche einfach nicht eingegangen wurde. Am schlimmsten ist das dann noch, wenn man sich vorab über ein Produkt informiert hat, der Verkäufer einen aber für blöd verkauft.

Symbolbild Shopping

Karin Beate Nøsterud/norden.org

Noch so eine Floskeln. Man kann exzellenten Service durchaus haben. Aber das gilt weder für alle, noch für einen Großteil der Geschäfte. Exzellenter Service bemisst sich zudem meines Erachtens nach daran, was der Kunde sich vorstellt. Und wenn ich auf amazon lediglich den Artikel heraussuchen muss, den ich haben möchte und ihn dann bestelle, er innerhalb von ein-zwei Tagen geliefert wird und ich über eine gute Möglichkeit des Rückversands verfüge, ist das oft der beste Service den ich mir vorstellen kann. Das letzte Mal, dass ich Service in Anspruch genommen habe, der vom Geschäft ausging, war der Kauf meiner/unserer Waschmaschine, für den wir den Lieferdienst des Händlers in Anspruch genommen haben. Inklusive Aufbau. Solche Anschaffungen sind aber eher selten und in vielen Geschäften ist exzellenter Service auch etwas Subjektives.

Grund Nr. 4: „Im Laden vor Ort ist der Mensch noch Mensch, keine Kundennummer“

Einfache Antwort: Floskel. Vor Ort ist der Mensch noch Mensch? Das Gefühl habe ich nicht. Da ist der Mensch ein Kunde, der etwas will, im Zweifelsfall noch von einem selbst. Da muss dann an der Kasse der Ausweis vorgezeigt werden, wenn man mit Karte zahlt – ja, eigentlich der Ausweis. Führerschein dürften eigentlich nicht gelten (Ausweismitführpflicht gibt es in Deutschland nicht). Wenn man übrigens in „Ketten“ einkaufen geht oder in großen Kaufhäusern ist man genauso eine „Nummer“ wie im Internet auch. Im Übrigen: Wenn ich bei Amazon anrufe, dann werde ich doch auch von der Nummer zum Menschen. Und ehrlich? Wenn ich schnell und einfach etwas einkaufen möchte und sei es ein Buch für ein Seminar, dann ist es mir egal, ob ich nun floskelhaft ein „Mensch“ bin oder eine Nummer. Hauptsache ich bekomme mein Buch schnell und leicht.

Grund Nr. 5: „Jeder Einkauf sichert Arbeitsplätze“

Ich kann dieses Argument nicht hören. Es ist in meinen Augen ein „Scheinargument“. Auch die Herstellung von Wagenrädern und das Anzünden von Gaslampen sichert Arbeitsplätze. Der Internethandel übrigens auch… Ich sage nicht, dass ich es für gut befinden würde, dass wegen fehlender Einkaufskraft in den Innenstädten die Leute ihre Jobs verlieren, aber persönlich glaube ich nicht, dass das nur am Internet liegt. Die Subventionierung und der Kauf von Print-Medien sichert übrigens auch Arbeitsplätze.

Grund Nr. 6: „Einkaufen vor Ort erhält unsere Gemeinden“

Nun ja. Ich kann mir nicht so recht vorstellen, was damit gemeint ist. Ich sehe mich nicht als Teil der Aachener Gemeinde weil ich einkaufen gehe. Ich sehe mich auch nicht als Teil der Gemeinde, in der ich groß geworden bin, weil ich dort einkaufen gegangen bin. Wenn es dort so weiter geht, wie es derzeit der Fall ist, wird es dort demnächst nur noch Rollatoren und Alte-Damen-Kleidung zu kaufen geben. Ja, das erhält die Gemeinde. Aber nur die, die auch die angebotenen Produkte kaufen und die „Zeit“ haben, sich ewig mit Verkäufern und anderen Kunden zu unterhalten. Die man sonst nie sieht und nie spricht und eigentlich auch keine Interessen teilt. Ich weiß nicht, ob ich da von „Gemeindeerhalt“ reden würde. Das kommt für mich eher durch Vereine und „Stadtfeste“ zusammen. Ich glaube, dieses Gemeindegefühl kann nur dort entstehen, wo wir ohnehin sehr kleine Gemeinden haben, wo man also die Bäckereifachverkäuferin persönlich kennt und die Henriette Müller im Bekleidungsgeschäft jeden Sonntag in der Kirche trifft.

Grund Nr. 7: „Man kann die Ware anfassen, anprobieren und sofort mitnehmen“

Ja. Stimmt. Absoluter Grund für den Einkauf im Einzelhandel. Gerade bei Kleidungsstücken stimme ich da absolut zu. Dies ist wirklich ein Argument für den Einzelhandel. Auch wenn es Leute gibt, die ohnehin immer die gleichen T-Shirts und Socken vom gleichen Hersteller kaufen. Die können dann auch über das Internet bestellen.

Grund Nr. 8: „Vor Ort Einkaufen wirkt inspirierend“

Auch hier: Ja, durchaus. Aber das kann das Internet auch, vielleicht sogar noch besser. Ich muss aber zugeben, dass ich liebend gerne „inspirierend shoppen“ gehe, soll heißen: Ich schau mich um und sehe mir – gerade bei Kleidung – an, was es so Neues gibt und überlege, ob ich davon vielleicht doch noch etwas brauchen könnte.

Grund Nr. 9: „Ware kann problemlos umgetauscht werden.“

Bundesarchiv, B 145 Bild-F009687-0007 / Unterberg, Rolf / CC-BY-SA

Bundesarchiv, B 145 Bild-F009687-0007 / Unterberg, Rolf / CC-BY-SA

Das ist ein Scheinargument, was häufig nicht stimmt. Umtausch nur in Orginalverpackung (witzig, wenn dann in der eingeschweißten CD-Doppelhülle eine CD fehlt). Umtausch nur gegen Gutschein. Umtausch nicht möglich. Alles Dinge, die ich im Einzelhandel schon erlebt habe. Bei Amazon habe ich bisher einmal etwas zurückgehen lassen müssen. Etwa ein Jahr nachdem ich es gekauft hatte (ein MP3-Player). Und das war gar kein Thema. Ich habe das Geld erstattet bekommen und dies ging schnell und zügig. Keine Nachfragen nach der Originalverpackung oder dem Grund des Kaputtgehens. Die meisten Leute, die zudem etwas im Internet zurückgegeben haben und mit denen ich gesprochen habe, bestätigen in Hinblick auf Amazon dieses Erleben. Die Rückgabe ist meist problemloser als im Einzelhandel. Sie kann nur in Ausnahmefällen etwas länger dauern.

Grund Nr. 10: „Schafft soziale Kontakte.“

Ehrlich? Das ist ein Argument? Welche sozialen Kontakte? Vielleicht in einer Kleinstadt, wo ohnehin fast jeder jeden kennt. Aber hier in Aachen? Soziale Kontakte habe ich im Einzelhandel noch nicht geschlossen und habe auch nicht das Bedürfnis danach. Leute, die mir an der Kasse ihre Lebensgeschichte erzählen, sind mir sehr suspekt und Verkäufer, die dies von mir wollen, finde ich auch merkwürdig.
Meine sozialen Kontakte pflege ich da eher noch bei Arztbesuchen, egal ob HNO, Neurologe oder Hausarzt.

alle Zitate stammen aus der Ausgabe „Super-Mittwoch“ vom 12.03.2014

Advertisements