Rezension: Hartmann von Aue – Erec


Ich starte heute eine neue Kategorie. In dieser möchte ich euch einige mittelalterliche Texte vorstellen, die ich gelesen habe. (und sicherlich auch einige meiner Leser) Dabei möchte ich die Texte für solche Leute bewerten, die bisher nichts oder wenig mit mittelalterlichen Texten zu tun hatten. Daher fange ich mit dem Text an, mit dem auch ich angefangen habe: Dem Erec von Hartmann von Aue.

Entstanden ist der Erec irgendwann um 1180/1190 und gilt als ältester deutscher Artusroman. Artus, wie der, der das Schwert aus dem Stein gezogen hat. Nur spielt Artus in den Artusromanen eher eine untergeordnete Rolle, vielmehr geht es um die Ritter, die an Artus‘ Hof ein- und ausgehen.
Erec ist einer von ihnen und seine Geschichte gehört zu den Werken, die in vielen Germanistikstudiengängen gelesen werden.

Hartmann von Aue - Manessische Liederhandschrift  - Gemeinfrei -

Hartmann von Aue – Manessische Liederhandschrift
– Gemeinfrei –

Überlieferung des Erec

Auch hier nur kurz – in die Tiefe gehen würde dem diametral entgegengesetzt sein, was ich mit dem Text machen möchte – etwas zur Überlieferung: Nahezu vollständig ist uns der Erec nur in einer Handschrift aus dem 16. Jahrhundert überliefert, die geschrieben wurde von Hans Ried. Neben dem Erec ist auch der Iwein und das Nibelungenlied in dieser Handschrift, die man allgemein das Ambraser Heldenbuch nennt, überliefert, sowie einige weitere Texte. Fragmentarisch liegen noch andere Quellen vor.
Problematisch daran ist, dass der Text nicht in mittelhochdeutscher Sprache vorliegt, sondern – aufgrund des relativ jungen Entstehungsdatums der Handschrift – in frühneuhochdeutsch. In den bisher vorliegenden Edierunge des Textes hat man versucht, die mittelhochdeutsche Sprache eines Hartmanns von Aue wiederherzustellen und dabei einige Dinge verschlimmbessert, gerade auch im Hinblick auf den Sinn des Textes. Man muss also vorsichtig sein, wenn man die heutigen Ausgaben liest und sollte bei näherem Interesse für den Text – vielleicht auch etwas wissenschaftlicherer Natur – versuchen, in die Handschrift zu schauen. (Übrigens soll Ende dieses Jahres eine neue Edition herausgegeben werden, die sich stärker am Ambraser Heldenbuch orientiert und die daher wohl einige der „Fehler“ heutiger Editionen verbessern wird).

Inhalt:

Eigentlich – bricht man es herunter – ist der Erec eine klassische Rittergeschichte. Heutzutage würde man sagen: Mit einem strahlenden Held, einer wunderschönen Prinzessin, einem bösen Ritter (vielleicht auch mehrern) und schlussendlich auch einem Happy-End.
Erec gewinnt das Herz der schönen Enite durch Aventiuren für sich und heiratet sie schließlich. Doch die Heirat hält ihn davon ab, seine ritterlichen Tugenden nachzugehen, was dazu führt, dass man übel über ihn redet.
Als Erec dies erfährt, macht er sich auf, neue Abenteuer zu erleben und seine Ehre wieder herzustellen. Enite, die ihm von den Gerüchten am Hof berichtet hat, bekommt von ihm ein Sprechverbot, welches sie mehrfach bricht, um Erec zu retten. Nachdem Erec eine Menge Abenteuer bestanden hat, ganz unterschiedlicher Natur, und den Kampf gegen den furchtbaren Mabonagrin gewinnt, kann er zurück an seinen Hof kehren. Mit dem Wissen darüber, wo das richtige Maß zwischen Liebe und Herrschaft liegt, werden er und Enite zu einem guten Herrscherpaar.

Ambraser Heldenbuch  - Gemeinfrei -

Ambraser Heldenbuch
– Gemeinfrei –

Kritik für Nicht-Germanisten:

Obwohl der Erec einige Stellen bietet, die dem heutigen Leser merkwürdig vorkommen (insbesondere die verselange Beschreibung von Enites Pferd und dessen Zaumzeug), ist der Roman durchaus ein guter Einstieg in die mittelhochdeutsche Literatur. Er hat alles, was eine Rittergeschichte braucht und gleichzeitig nichts, was die Geschichte für den Laien zu kompliziert oder zu „wenig lesenswert“ macht. Nicht umsonst gehört sie zu den ersten mittelhochdeutschen Geschichten, die man im Studium liest.
Gleichzeitig ist der Text auch ein guter Einstieg für das Lesen weiterer mittelhochdeutscher Texte, weil hier einige Dinge vorgeführt werden – und zwar leicht verständlich – die für das Lesen komplizierterer Texte durchaus notwenig sein könnten.
Man kann beim ersten Lesen nicht alles verstehen, dafür ist ein Studium von Sekundärliteratur wohl unumgänglich. Wer allerdings kein Problem damit hat, bestimmte Motive oder Anspielungen nicht beim ersten Mal zu durchschauen, für den ist der Erec der perfekte Einstieg in eine mittelhochdeutsche Literaturliste, die doch sehr lang werden kann.

Nicht abschrecken lassen sollte man sich ob der Sprache. Der Erec ist ins Neuhochdeutsche übersetzt worden und selbst wenn die Versform auf den ersten Blick abschreckend wirkt, so ist sie es nicht. Eimal daran gewöhnt kann man es leicht und relativ locker herunterlesen.
Natürlich sollte man sich aber auch davon lösen, dass man hier ein Buch liest, wie wir sie heute kennen. Die Zusammenhänge sind vielleicht auf den ersten Blick nicht ganz klar, die einzelnen Episoden scheinen fast willkürlich zusammengestellt. Wenn man mittelhochdeutsche Literatur liest, dann sollte man damit rechnen, dass diese zunächste inmmal mündlich vorgetragen wurde, weshalb einige Brüche und einige unzudsammenhängend wirkende Stellen in fast allen Überlieferungen zu finden sind – und auch in fast allen (mir bekannten: allen) Texten zu finden ist. Blattverlust, Übertragungsfehler, „Verbesserungen“ tragen ihren Teil dazu bei.

Solltet ihr Fragen haben: Ab in die Kommentare damit, vielleicht kann ich helfen

Advertisements