Filmrezension – Doctor Strange (Film)


Inhalt: 

Stephen Strange ist ein begnadeter Chirurg, allerdings ein menschlicher Totalausfall: Egozentrisch, narzisstisch, eingebildet, hochnäsig und alles in Allem ziemlich unausstehlich. Doch nach einem schweren Autounfall verliert er die Fähigkeit als Chirurg zu praktizieren, sein Leben liegt in den Trümmern seines teuren Wagens begraben. Voller Verzweiflung und Zorn über den Verlust, gibt er sein ganzes Vermögen für sinnlose Operationen aus, schlägt Warnungen und Vorschläge von Freunden und Kollegen in den Wind, nur um am Ende feststellen zu müssen, dass ihm die Medizin nicht helfen kann. Von einem Therapeuten erfährt er, dass dieser vor einigen Jahren einen Patienten hatte, der wider aller Wahrscheinlichkeit nach einer schweren Rückenverletzung doch wieder laufen konnte. Strange nimmt Kontakt zu diesem Mann auf und erfährt, dass dieser in Nepal Heilung gefunden haben. Von seinem letzten Geld finanziert sich Strange, der sich in seiner letzten Hoffnung an jeden Strohhalm klammert, einen Flug nach Nepal, um dort an einem Ort namens Kamar-Taj zu erfahren, wie er geheilt werden kann. Doch statt Heilung entdeckt er dort eine Welt jenseits seiner Vorstellungskraft. Magie, Zauberei, alte Wesenheiten, andere Dimensionen. Nach anfänglicher Skepsis möchte Strange mehr über diese Welt erfahren und bald muss er sich die Frage stellen, ob er sein altes Leben überhaupt wiederhaben möchte. Dann überschlagen sich die Ereignisse…

Kritik (enthält eventuell Spoiler):

Doctor Strange ist ein erfrischend „anderer“ Marvel-Superheldenfilm. Weniger aufgrund der Struktur, die erinnert doch sehr an andere Produktionen des Genres, als vielmehr aufgrund der Charakterdarstellung und der endlich mal nicht technisierten und entmystifizierenden Erklärungen unerklärbarer Phänomene – selbst Lokis Stab entpuppte sich ja als künstliche Intelligenz. Magie existiert einfach und die Charaktere, allen voran Strange, haben dies zu akzeptieren. Das unterscheidet den Film deutlich von allen Marvelfilmen der letzten zehn Jahre, in denen selbst im mystischen Asgard alles technologisch erklärbar sein musste. In „Doctor Strange“ funktioniert das nicht – und der Zuschauer sollte eine Erklärung für diese magische Welt weder suchen noch erwarten.
Sich fallen lassen ist das Motto des rund zweistündigen Films, sich fallen lassen und genießen, wie Strange und all die anderen Zauberer die Grenzen der Physik aufheben, magische Waffen und Schilde erschaffen und aufgrund ihrer Fähigkeiten die Realität im wahrsten Sinne des Wortes ins Rutschen und Wanken bringen.

Dazu kommen eine für Marvelverhältnisse ausgesprochen gut ausgearbeitete Reihe von Charaktere. Allen voran Dr. Strange selbst, großartig gespielt von Benedict Cumberbatch. Mögen kann man den Chirurgen zu Anfang kaum, in seiner Arroganz und seinem Egozentrismus verschreckt er nicht nur alle Personen um sich herum, sondern auch die Zuschauer im Kinosaal. Der Unfall ändert ihn in Bezug auf diese Charaktereigenschaften zunächst nur wenig – anders als beispielsweise Tony Stark, der nach seinem Aufenthalt in Afghanistan gleich seine ganze Firma umkrempelt und selbst zu einem Mann wird, der das bekämpft, wovon er vorher lebte. Die erste Feststellung, die Strange nach seiner OP trifft, als er seine Hände in den Fixateuren sieht, ist, dass er es besser gekonnt hätte als seine Kollegen. Seine Hände hätte retten können. Selten ist ein menschlicher Absturz so glaubwürdig in einem Marvelfilm thematisiert worden. Der Zorn, der Strange antreibt, seine pure Verzweiflung aber auch seine Weigerung, einen neuen Weg einzuschlagen, passen nicht nur zum Charakter, sondern sind eine typisch menschliche Eigenart. Sturheit. Kaum Reue durchzieht den Charakter auch nach dem Unfall. Dies ändert sich erst während des Aufenthaltes in Kamar-Taj, und auch hier nur sehr langsam. Erst die Einführung in die Welt der Magie durch die Älteste/The ancient one (Tilda Swinton), kann etwas an Stranges Einstellung ändern und dies mit einer Wucht, die den Zuschauer durch geschickt gewählte, gigantische Bilder aus dem Kinosessel zu reißen vermag.
Vor allem an Strange selbst, aber auch an anderen Figuren, kann man ablesen, was diesen Film noch von vielen bisher dagewesenen Marvelfilmen unterscheidet: eine subtile, glaubwürdige Charakterentwicklung. Den Drehbuchautoren ist hier etwas gelungen, was sehr häufig misslingt oder gar nicht erst versucht wird: Strange entwickelt sich so, wie sich ein Mensch entwickeln würde. Er wird nicht plötzlich zum guten Menschen und strahlenden Helden. Die Entwicklung zum Helden passiert langsam, in Teilen ungewollt seitens des Hauptcharakters und bis kurz vor Schluss sieht man, dass Strange daran zweifelt, was er eigentlich mit seinem neugewonnenen Wissen machen möchte, ob er die Aufgabe, die ihm Kamar-Taj zuweisen möchte annimmt oder die Magie wie viele andere auch, nur als Mittel zum Zweck einsetzt um sich selbst ein besseres Leben zu verschaffen.

Doch nicht nur der Protagonist ist ein hervorragendes Beispiel dafür, dass auch Comiccharaktere glaubwürdig sein können: Auch der Antagonist, gespielt von Mads Mikkelsen, ist definitiv einer besten Marvelantagonisten und neben Loki und vielleicht Ivan Vanko (Whiplash/Iron Man 2) einer der, wenn nicht sogar „DER“ glaubwürdigste Antagonist. Dies liegt nicht an einer komplizierten Herkunftsgeschichte oder an einer besonders herausragenden Bösartigkeit. Ganz im Gegenteil: Verblendet, aber aus seiner Position heraus in sich logisch, schlüssig, nachvollziehbar und gut durchdacht arbeitet sich Kaecilius durch den Plot. Bisher fehlte es gerade im Marveluniversum an glaubwürdigen, in sich schlüssigen Schurken. Diese müssen keinen vollständig durchdachten Plan haben – erkennt man besonders gut (auch streitbar) am Joker aus „The Dark Knight“ – aber sie müssen in sich schlüssig handeln.

Man darf sich nichts vormachen: Doctor Strange ist deutlich dunkler als viele andere Marvelfilme (wenngleich auch nicht „Batman-Dunkle“) und weißt deutlich weniger Humor und Slapstick auf. Das tut dem Film aber ganz gut, sorgt für ordentlich Spannung und so ganz kurz kommt der Witz dann doch nicht. Wenn Stranges Umhang beispielsweise einen der Schläger des Antagonisten in Schach hält, fühlt man sich unweigerlich an den Teppich aus Disneys Aladdin erinnert, Stranges arrogante Art kann im Kontext durchaus auch zum Lachen animieren. Inbesondere hervorzuheben sind auch die Bibliotheksszenen mit dem trockenen Bibliothekar „Wong“. Zugeben muss man aber, dass sich all diese „Witze“ auf einer anderen Ebene befinden als in den bisherigen Marvelfilmen.

Eine Bemerkung sollte auch noch gemacht werden zum leidigen Thema „die Wahrheit sagen.“ So wie auch Strange die Magie als gegeben akzeptieren muss – und sie natürlich im Laufe des Films zu nutzen weiß – so muss auch seine Kollegin Christine Palmer (Rachel McAdams) dies tun und das auf unkonventionelle, spannende und gleichzeitig amüsante Weise. Strange hält mit dem, was er ist und was er kann, nicht hinter dem Berg oder versteckt sich hinter einer mittemäßig guten Maske.

Abschließend bleibt noch zu sagen, dass der Film auch visuell alles bisher Dagewesene von Marvel übertrifft, zwar sicherlich an der ein oder anderen Stelle Ideen aufgreift, die man in Inception (2010) schon gesehen hat, diese aber weiterführt und derart visuell aufbereitet und in den Film eingliedert, dass es sich allein schon wegen dieses CGI-Kunstwerks lohnt, den Film zu sehen.
Die Musik von Michael Giacchino (Star Trek) bereichert den Film zusätzlich und bleibt wie durch Zauberkraft im Gehirn hängen.

Alles in Allem ein rundum gelungener Film, der von mir 9/10 Punkten bekommt. Der Abzug resultiert aus der „B-Note“, da der Film doch strukturell sehr ähnlich zu anderen Marvelfilmen bleibt und mit wenig erzählerischen Überraschungen aufwarten kann.

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