Filmrezension – Doctor Strange (Film)


Inhalt: 

Stephen Strange ist ein begnadeter Chirurg, allerdings ein menschlicher Totalausfall: Egozentrisch, narzisstisch, eingebildet, hochnäsig und alles in Allem ziemlich unausstehlich. Doch nach einem schweren Autounfall verliert er die Fähigkeit als Chirurg zu praktizieren, sein Leben liegt in den Trümmern seines teuren Wagens begraben. Voller Verzweiflung und Zorn über den Verlust, gibt er sein ganzes Vermögen für sinnlose Operationen aus, schlägt Warnungen und Vorschläge von Freunden und Kollegen in den Wind, nur um am Ende feststellen zu müssen, dass ihm die Medizin nicht helfen kann. Von einem Therapeuten erfährt er, dass dieser vor einigen Jahren einen Patienten hatte, der wider aller Wahrscheinlichkeit nach einer schweren Rückenverletzung doch wieder laufen konnte. Strange nimmt Kontakt zu diesem Mann auf und erfährt, dass dieser in Nepal Heilung gefunden haben. Von seinem letzten Geld finanziert sich Strange, der sich in seiner letzten Hoffnung an jeden Strohhalm klammert, einen Flug nach Nepal, um dort an einem Ort namens Kamar-Taj zu erfahren, wie er geheilt werden kann. Doch statt Heilung entdeckt er dort eine Welt jenseits seiner Vorstellungskraft. Magie, Zauberei, alte Wesenheiten, andere Dimensionen. Nach anfänglicher Skepsis möchte Strange mehr über diese Welt erfahren und bald muss er sich die Frage stellen, ob er sein altes Leben überhaupt wiederhaben möchte. Dann überschlagen sich die Ereignisse…

Kritik (enthält eventuell Spoiler):

Doctor Strange ist ein erfrischend „anderer“ Marvel-Superheldenfilm. Weniger aufgrund der Struktur, die erinnert doch sehr an andere Produktionen des Genres, als vielmehr aufgrund der Charakterdarstellung und der endlich mal nicht technisierten und entmystifizierenden Erklärungen unerklärbarer Phänomene – selbst Lokis Stab entpuppte sich ja als künstliche Intelligenz. Magie existiert einfach und die Charaktere, allen voran Strange, haben dies zu akzeptieren. Das unterscheidet den Film deutlich von allen Marvelfilmen der letzten zehn Jahre, in denen selbst im mystischen Asgard alles technologisch erklärbar sein musste. In „Doctor Strange“ funktioniert das nicht – und der Zuschauer sollte eine Erklärung für diese magische Welt weder suchen noch erwarten.
Sich fallen lassen ist das Motto des rund zweistündigen Films, sich fallen lassen und genießen, wie Strange und all die anderen Zauberer die Grenzen der Physik aufheben, magische Waffen und Schilde erschaffen und aufgrund ihrer Fähigkeiten die Realität im wahrsten Sinne des Wortes ins Rutschen und Wanken bringen.

Dazu kommen eine für Marvelverhältnisse ausgesprochen gut ausgearbeitete Reihe von Charaktere. Allen voran Dr. Strange selbst, großartig gespielt von Benedict Cumberbatch. Mögen kann man den Chirurgen zu Anfang kaum, in seiner Arroganz und seinem Egozentrismus verschreckt er nicht nur alle Personen um sich herum, sondern auch die Zuschauer im Kinosaal. Der Unfall ändert ihn in Bezug auf diese Charaktereigenschaften zunächst nur wenig – anders als beispielsweise Tony Stark, der nach seinem Aufenthalt in Afghanistan gleich seine ganze Firma umkrempelt und selbst zu einem Mann wird, der das bekämpft, wovon er vorher lebte. Die erste Feststellung, die Strange nach seiner OP trifft, als er seine Hände in den Fixateuren sieht, ist, dass er es besser gekonnt hätte als seine Kollegen. Seine Hände hätte retten können. Selten ist ein menschlicher Absturz so glaubwürdig in einem Marvelfilm thematisiert worden. Der Zorn, der Strange antreibt, seine pure Verzweiflung aber auch seine Weigerung, einen neuen Weg einzuschlagen, passen nicht nur zum Charakter, sondern sind eine typisch menschliche Eigenart. Sturheit. Kaum Reue durchzieht den Charakter auch nach dem Unfall. Dies ändert sich erst während des Aufenthaltes in Kamar-Taj, und auch hier nur sehr langsam. Erst die Einführung in die Welt der Magie durch die Älteste/The ancient one (Tilda Swinton), kann etwas an Stranges Einstellung ändern und dies mit einer Wucht, die den Zuschauer durch geschickt gewählte, gigantische Bilder aus dem Kinosessel zu reißen vermag.
Vor allem an Strange selbst, aber auch an anderen Figuren, kann man ablesen, was diesen Film noch von vielen bisher dagewesenen Marvelfilmen unterscheidet: eine subtile, glaubwürdige Charakterentwicklung. Den Drehbuchautoren ist hier etwas gelungen, was sehr häufig misslingt oder gar nicht erst versucht wird: Strange entwickelt sich so, wie sich ein Mensch entwickeln würde. Er wird nicht plötzlich zum guten Menschen und strahlenden Helden. Die Entwicklung zum Helden passiert langsam, in Teilen ungewollt seitens des Hauptcharakters und bis kurz vor Schluss sieht man, dass Strange daran zweifelt, was er eigentlich mit seinem neugewonnenen Wissen machen möchte, ob er die Aufgabe, die ihm Kamar-Taj zuweisen möchte annimmt oder die Magie wie viele andere auch, nur als Mittel zum Zweck einsetzt um sich selbst ein besseres Leben zu verschaffen.

Doch nicht nur der Protagonist ist ein hervorragendes Beispiel dafür, dass auch Comiccharaktere glaubwürdig sein können: Auch der Antagonist, gespielt von Mads Mikkelsen, ist definitiv einer besten Marvelantagonisten und neben Loki und vielleicht Ivan Vanko (Whiplash/Iron Man 2) einer der, wenn nicht sogar „DER“ glaubwürdigste Antagonist. Dies liegt nicht an einer komplizierten Herkunftsgeschichte oder an einer besonders herausragenden Bösartigkeit. Ganz im Gegenteil: Verblendet, aber aus seiner Position heraus in sich logisch, schlüssig, nachvollziehbar und gut durchdacht arbeitet sich Kaecilius durch den Plot. Bisher fehlte es gerade im Marveluniversum an glaubwürdigen, in sich schlüssigen Schurken. Diese müssen keinen vollständig durchdachten Plan haben – erkennt man besonders gut (auch streitbar) am Joker aus „The Dark Knight“ – aber sie müssen in sich schlüssig handeln.

Man darf sich nichts vormachen: Doctor Strange ist deutlich dunkler als viele andere Marvelfilme (wenngleich auch nicht „Batman-Dunkle“) und weißt deutlich weniger Humor und Slapstick auf. Das tut dem Film aber ganz gut, sorgt für ordentlich Spannung und so ganz kurz kommt der Witz dann doch nicht. Wenn Stranges Umhang beispielsweise einen der Schläger des Antagonisten in Schach hält, fühlt man sich unweigerlich an den Teppich aus Disneys Aladdin erinnert, Stranges arrogante Art kann im Kontext durchaus auch zum Lachen animieren. Inbesondere hervorzuheben sind auch die Bibliotheksszenen mit dem trockenen Bibliothekar „Wong“. Zugeben muss man aber, dass sich all diese „Witze“ auf einer anderen Ebene befinden als in den bisherigen Marvelfilmen.

Eine Bemerkung sollte auch noch gemacht werden zum leidigen Thema „die Wahrheit sagen.“ So wie auch Strange die Magie als gegeben akzeptieren muss – und sie natürlich im Laufe des Films zu nutzen weiß – so muss auch seine Kollegin Christine Palmer (Rachel McAdams) dies tun und das auf unkonventionelle, spannende und gleichzeitig amüsante Weise. Strange hält mit dem, was er ist und was er kann, nicht hinter dem Berg oder versteckt sich hinter einer mittemäßig guten Maske.

Abschließend bleibt noch zu sagen, dass der Film auch visuell alles bisher Dagewesene von Marvel übertrifft, zwar sicherlich an der ein oder anderen Stelle Ideen aufgreift, die man in Inception (2010) schon gesehen hat, diese aber weiterführt und derart visuell aufbereitet und in den Film eingliedert, dass es sich allein schon wegen dieses CGI-Kunstwerks lohnt, den Film zu sehen.
Die Musik von Michael Giacchino (Star Trek) bereichert den Film zusätzlich und bleibt wie durch Zauberkraft im Gehirn hängen.

Alles in Allem ein rundum gelungener Film, der von mir 9/10 Punkten bekommt. Der Abzug resultiert aus der „B-Note“, da der Film doch strukturell sehr ähnlich zu anderen Marvelfilmen bleibt und mit wenig erzählerischen Überraschungen aufwarten kann.

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Die „Avengers“ – oder: Warum ich ein Ende der konventionellen Comicverfilmungen befürchte


Wie Interessierte bestimmt schon mitbekommen haben, ist vor einigen Wochen hier in Deutschland (und etwas später in den USA) der Film „The Avengers“ angelaufen, Marvels Mammutprojekt, könnte man so sagen, deutete doch spätestens sei Iron Man alles darauf hin, dass mit so einem Film zu rechnen ist. Und der Film (Iron Man) erschien bereits 2008. Es folgte Iron Man 2, Thor und Captain America, alles hoch unterhaltsame Filme und alle für sich genommen ein kleiner Anlauf auf „The Avengers“.

Ist das Mammutprojekt geglückt? 

Ja. Der Film ist von den Einnahmen her die Comicverfilmung die zum Startwochenende die höchsten Einspielergebnis einfuhr. In den USA spielte er 18,7 Millionen US-Dollar in der ersten Nacht ein, „The Dark Knight“ bis dato der Film mit dem höchsten Einspielergebnis lag bei 18,5 Millionen US-Dollar. (wobei man beachten muss, dass „The Avengers“ in 3D auch in den USA höhere Ticketpreise mit sich bringt, in manchen Kinos bis zu 5 (!) Dollar — Aber darum gehts nicht 😉 )

Ja. Der Film macht wahnsinnig Spaß. Marvel hat es in der Beziehung richtig gemacht. Sie haben auf sympathische, gute Schauspieler gesetzt, Figuren genommen, die bis dahin im Kino recht gut angekommen sind und haben auf Witz und Charm in ihrem Film gesetzt.

Das hat alles wunderbar funktioniert und macht einen Heidenspaß.

Woher dann der merkwürdige „oder-“ Titel des Blogartikels?

Ich persönlich hatte etwas mehr von dem Film erwartet. Nicht falsch verstehen, ich halte den Film für uneingeschränkt sehenswert.
Aber die Story ist so geradlinig, als hätte man ein Linear auf ein Blatt Papier gelegt und einen Strich gezogen.
Ich hatte nicht angenommen, es gäbe eine Story wie in „The Dark Knight“. Und genauso wie es naiv gewesen wäre, bei „The Expendables“ mehr Dialog und eine Handlung, die über „Wir-töten-alle-Bösen“ hinaus geht zu erwarten, wäre es gerade zu vermessen gewesen, eine „The-Dark-Knight-Handlung“ bei „The Avengers“ zu erwarten.
Aber ich kenne ja die anderen Marvel-Verfilmungen (mit Ausnahme von Hulk) und ich hatte zumindest einen Story erwartet, die sich auf einem Niveau mit Iron Man (dem ersten) befindet. Dort ist zwar auch recht früh klar, dass Obadiah Stane nicht ganz sauber ist, in wie weit dies aber der Fall ist und was er eigentlich vor hat, lässt sich nicht so leicht bestätigen. Seine Zusammenarbeit mit den Terroristen hatte ich damals nicht erwartet.
Ich hatte vielmehr erwartet, dass es Raza (der Araber) ist, der später ebenfalls einen Iron Man Anzug trägt.

[SPOILER]

Die einzige Stelle, bei der ich bei den Avengers hingegen nicht wusste (aus narrativer Hinsicht), wie man weiter verfährt, war, als Tony Stark zu sterben drohte. Heute kann ich sagen, dass es aufgrund des Franchises eine sicherlich eher dumme Entscheidung gewesen wäre, aber aus narrativer Hinsicht war sie mehr als möglich. Sie hätte sogar noch für eine „schöne“, wenngleich traurige Wendung im Film gesorgt. Aber sei’s drum, ich mag Tony Stark und sein Überleben finde ich natürlich auch großartig.
Nur: Es war eben das einzige Mal, bei dem ich mir im Kino bei der Filmstory kurzzeitig nicht sicher war, wie die Handlung „grob“ fortgeführt wird.
Andere Szenen hingegen haben beim späteren Nachdenken darüber keinen Sinn mehr gemacht. (dazu gehört für mich immer noch die Frage, warum Loki unbedingt auf das Schiff von S.H.I.E.L.D will. Es macht eigentlich handlungstechnisch keinen Sinn und wirkt fast so, als hätte man vergessen dort etwas einzuführen oder als hätte man unbedingt einen epischen Kampf auf diesem Schiff gewollt, aber nicht gewusst, wie man ihn in die Story einfügen kann).

[SPOILER ENDE] 

Für eine Empfehlung für Menschen, die sich (auch nur) leicht, für Comics interessieren, kann man darüber hinweg sehen und sagen: „Ja, geh ins Kino und zieh dir den neuen Avengersfilm (wenn möglich nicht in 3D – das ist nämlich überflüssig) rein. Der macht sau Spaß und wir haben viel gelacht.“ Ich würde aber noch anfügen: „Aber erwarte keine komplexe(re) Handlung.“

Dann kann man sich nämlich mit „The Avengers“: Ganz prächtig amüsieren – und die Besucherzahlen zeigen auch, dass viele Menschen den Film gerne sehen wollen. Die Einspielergebnisse sind bombastisch, ein zweiter Teil steht fast außer Frage. Und Iron Man 3 steht auch schon in den Startlöchern, Thor 2 ist geplant.

Bilder und Kämpfe sind im Übrigen auch sehr gut gelungen, die Sprüche sind herrlich. Ich betone: Ich finde Tony Stark klasse und Chris Hemsworth ist ein attraktives Kerlchen.

Und warum befürchtest du dann ein Ende der konventionellen Comicverfilmungen? 

Mit konventionell meine ich ganz bewusst Superheldenverfilmungen und explizit nicht so Sachen wie „Watchmen“, „V wie Vendetta“, „Sin City“, „Kick-Ass“ oder auch „Scott Pilgrim vs. the World“, sondern unsere geliebten Superhelden, wie Superman, Captain America, Green Lantern, Thor, Spider-Man, X-Men und selbstverständlich Iron Man.

Es ist wohl kaum zu leugnen, dass in letzter Zeit gerade Marvel sehr viele Comicverfilmungen auf den Markt/ins Kino gebracht haben, die unglaublich Spaß gemacht haben und alle recht erfolgreich waren (lassen wir Ghostrider außen vor). Iron Man ist herrlich, ich sehe ihn immer wieder gerne und könnte Tony Stark (Robert Downey Jr.) stundenlang beim Selbstfeiern zu schauen, Captain America nimmt den eigenen Patriotismus auf die Schippe und ist Gott sei Dank weniger militaristisch als befürchtet und Thor ist „der Hammer“ (haha, der Wortwitz musste sein), hier überzeugte mich vor allem die Verbindung von Asgard-Szene und Erd-Szenen und bis dato wusste ich auch nicht, dass Loki der Sohn der Eisriesen ist.
Aber in ihrer zugrunde liegenden Struktur waren sie doch alle recht ähnlich. Vielleicht waren sie sich sogar zu ähnlich.

Ich mache diese „Befürchtung“ nicht konkret an den Avengers fest. Das wäre auch nicht gerecht, denn immerhin muss man sagen, dass die Avengers ein lange geplantes Filmprojekt waren, dessen Ausläufer sich auf andere Filme erstreckten und somit die Grenzen zwischen Filmen, die nicht der selben Trilogie zugehören (wie es etwa bei Star Wars der Fall ist) aufzulösen. Das ist vielleicht ein Schritt in Richtung von Filmen, in denen sich „Universen“ überkreuzen.

Ich denke aber, dass der Kinozuschauer sich in absehbarer Zeit an konventionellen Comicverfilmungen satt gesehen haben wird. Die immer gleichen Strukturen, Aufbauten und Abläufe könnten das Ende der Verfilmungen von Comics – vorläufig – bedeuten. Um das aufzuhalten benötigt es meines Erachtens eine kurze Pause und dann, in nicht allzuferner Zukunft einen – wie man im Comicbereich so gerne sagt – Reboot.

Und dann bleibt die Frage, welcher Film tatsächlich einer der Filme sein wird, die auch noch in 20 Jahren als „gute und großartige“ Filme des ausgehenden ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts gelten werden. Ich möchte darüber keine genauen Prognosen treffen. Aber ich glaube, dass es von den Comicverfilmungen, die in den letzten Jahren auf den Markt kamen, nur wenige sein werden, von denen auch noch unsere Kinder sagen können, dass sie großartig waren.

„Melancholia“ – Eine Filmkritik


Wenn ein neuer, innovativer Film in die Kinos kommt – gerade die Art von Film, die man allgemein auch als Kunstfilm bezeichnen kann – dann ist das Gejubel meistens ziemlich groß. Der Film wird als neues Meisterwerk gelobt, als Film, der viele Fragen stellt und der den Zuschauer am Ende ratlos darstehen lässt, ein Film, der aufwühlt, der die tiefsten Gefühlt im inneren des Menschen anspricht und zugleich mit großen Bilder und musikalisch einmaligen Eindrücken für ein Filmerlebnis der Extraklasse sorgt. Die Rezensenten zu dem Film überschlagen sich, voll des Lobes für das großartige Werk.

Und Leute, die den Film nicht gut fanden? Die werden häufig – gerade in Foren – als unintelligent beschrieben, als solche, die die Überlegenheit des Films nicht verstehen, als solche, die besser bei „Stirb Langsam“ und „Blutig Schlachten und Morden IV“ bleiben sollten, anstelle sich solche Werke anzusehen, die sie sowieso nicht verstehen. Kein-echter-Schotte Argumentation. Schwach, aber als totschlagendes Argument zu gebrauchen.

Ich möchte mich in diesem Beitrag dazu äußern, warum ich den Film NICHT gut fand und ihn mir freiwillig wohl kaum ein zweites Mal ansehen werde. Dazu muss gesagt werden, obwohl ich sonst eher das Unterhaltungs- und Trivialkino mag, bin ich mit dem Gefühl in den Film gegangen, dass er mir doch gefallen wird. Und so groß ist meine Abneigung, gegenüber weniger trivialer Filme, wie etwa „2001 – Odyssee im Weltraum“ oder „Eyes Wide Shut“, nicht so ausgeprägt. Zudem bin ich auch Ungewöhnlichem gegenüber durchaus aufgeschlossen.

Aber genug der Vorrede, auf zur Filmkritik:

„Melancholia“ beginnt eindringlich. Einzelbilder, in Zeitlupe, alle sehr desaströs und apokalyptisch anmutend. Unterlegt mit der dramatischen Musik von Wagners Overtüre zu seiner Oper „Tristan und Isolde“ sorgt der Film in den ersten Minuten beim Zuschauer für eine Untergangsstimmung sondergleichen.
Immer wieder untermalen Bilder aus dem All, genauso bedrohlich wie die anderen, die Szenerie. Schon der Anfang zeigt, wo die Gefahr droht und das direkt in doppelter Hinsicht. Einmal im direkten bildlichen Sinne, die Gefahr aus dem All, einmal aber auch aus dem Einsamkeit des Menschen im All, aus der unendlichen Leere zwischen den Planete und vielleicht auch als Bild für die Leere zwischen den Menschen. Aber danach folgt vor allem eins: Storyleere.

Eine Hochzeit, die schief geht, eine Planet, der die Erde rammen könnte (rammt) und jede Menge Gefühle, Depressionen und Ängste, dass sind die Motive des Films. Aber nicht wirklich eine Geschichte, die konstant die Spannung halten kann. Zudem torpediert Lars von Trier seinen eigenen Film mit einer völlig hanebüchenden Rahmenerzählung. Ich habe per se nichts gegen Filmen, in denen die Leute vor Depressionen zergehen, in ihrer eigenen Gefühlswelt nichts anderes mehr finden als Leere und Angst und die einen derart pessimistischen Blick auf die Welt haben, dass man sich fragt, ob es da überhaupt noch einen Sinn gibt, zu leben.
Lars von Trier konstruiert jedoch eine weltumspannende Bedrohung, auf die er seinen Figuren aufbaut. Der Zusammenstoß der Erde mit einem Planeten, der ohne jegliche Begründung, auf die Erde treffen soll. Dies ganze garniert er mit Artikeln aus dem Internet. Dass Planet X wohl nicht existiert und die im Film gezeigte Flubahn eines solchen Planete selbst für Laien merkwürdig erscheint, lässt der Regiesseur und gleichzeitig auch Autor vollständig außer Acht. Das wirkt sich bei einem Film, der sonst alles in sehr realistischem Licht erscheinen lassen möchte, merkwürdig aus – ja, man könnte sagen, lächerlich. Es spricht nichts gegen unrealistische Rahmenhandlungen, nur darf dann der Rest des Films nicht auf die Realität pochen und auch gar nicht den Anspruch daran stellen. Aber genau dies scheint der Regisseur hier zu versuchen.

Manche Kritiker bezeichnen „Melancholia“ (übrigens ein sehr merkwürdiger Name für einen Planeten) als Science-Fiction (zumindest die Kommentatoren tun dies des öfteren). Nur vermisse ich vor allem die „Science“ in diesem Film. Nicht jeder Film, der was mit Planeten und dem Weltraum zu tun hat, ist ein Science-Fiction im eigentlichen Sinne. Dazu gehören im weitesten Sinne auch Veränderungen der Gesellschaft durch die Technik und häufig auch eine genauere wissenschaftliche Beschreibung derselben. Star Wars wird deshalb häufig als Grenzfall angesehen, da sowohl eine gesellschaftliche Veränderung als direkter Handlungsrahmen fehlte, als auch die technische Komponente. Aber dazu ein anderes Mal. „Melancholia“ erfüllt weder die Komponente der gesellschaftliche Veränderung (und eine depressive Familie mit Todesängsten zählt da nicht) noch den technischen Aspekt. Welcher Planet schleicht sich schon nach dem Vorbeiflug von hinten wieder an? Höchst merkwürdig.

Lobenswert sind in jedem Fall die schauspielerische Leistung, insbesondere von Kirsten Dunst – das muss man zugestehen – als auch die gewaltigen Bilder, die Lars von Trier genau einzusetzten weiß. Doch ab einer gewissen Menge von Bildern wird es zu viel. Es ähnelt jenen Romane, die unbedingt bedeutsam sein wollen und deshalb möglichst viele (unverständliche) Passagen einbauen. Nicht nur unverständlich, weil man – wie etwa bei Romanen von Goethe, Heine oder Kleist – in einer anderen Zeit lebt, sondern unverständlich, weil sie symbolisch zu überfrachtet ist. Da ist die Brücke, über die das Pferd Abraham nicht gehen will und über die auch später der Golfcaddy nicht fahren möchte. Es gibt Deutungsmöglichkeiten. Es könnte der Weg in ein anderes Leben darstellen, die Flucht vor dem selbst, die einem letztlich nicht gelingt, die Auswegslosigkeit aus dem Leben nicht entkommen zu können oder auch als Sinnbild dafür, dass man dem Schicksal nicht entrinnen kann. Aber so beeindruckend und so gruselig die Brücke auch immer sein mag, es geht in der Menge der Bilder unter, die alle ihre eigene Deutung erfahren können, aber letztenendes immer auf der Leere beharren, auf der Hoffnungslosigkeit, die sich alsbald nicht nur durch Justine, die Protagonistin, gespielt von Kirsten Dunst, sondern auch durch den Rest der Familie zieht. Es wurde nach 60 Minuten einfach zu viel. Zu viel Bilder, zu viel gewaltige Bilder, zu viele depressive Monologe.

Ein weiterer Kritikpunkt ist die Musik. Wagners Overtüre selbst ist kein Fehlgriff, aber da es das einzige Stück in dem Film bleibt, geht es nach dem vierten oder fünften Hören auf die Ohren des Zuschauers. Es wird keine Abwechslung geboten in der Monotonie des Gewaltigen. Sowohl was Wagner betrifft, als auch die Bilder. Das mag man toll finden, muss man aber nicht.

Fazit:

Lars von Triers „Melancholia“ mag ein Meisterwerk sein, aber ich denke nicht, dass es allen Menschen so gehen wird. Das mag pauschal klingen, aber worauf ich hinaus will, ist folgendes: Der Film selbst bietet nicht genügend Anreize, um ihn – anders als etwa 2001: Odyssee im Weltraum – auch noch in zwanzig oder dreißig Jahren zu sehen. Dafür müssen Filme mitreißen und spannend inszeniert sein. So ist die Anfangsszene – um einen Vergleich zu ziehen – von Stanley Kubriks Meisterwerk zwar langatmig und ähnlich musikalisch unterlegt wie Tiers (nämlich mit klassischer Musik) so ist der Rest des Films jedoch nicht nur in Bildern, sondern auch in der Geschichte ein Meisterwerk. Sei es in Hal 9000, dem fühlenden Computer, oder in der Haupfigur Dave, die zum Schluss eine besondere Offenbarung erlebt, der Film bleibt die ganzen 143 Minuten über spannend. Etwas, was ich bei „Melancholia“ wirlich vermisst habe. 130 Minuten dauert der Film, er hätte prima auf 100 Minuten gekürzt werden können, ohne viel zu verlieren (außer einige Bilder).

Zudem muss ich auch festhalten, dass wir mit fünf Leuten in diesem Film im Kino waren. Wir sind alle nicht dumm oder ungebildet, wir haben alle eine Schwäche für Literatur aber bei vieren von den fünfen hat der Film nicht besonders viel Eindruck geschindet. Man blieb eher mit einem Schulterzucken stehen und fragte: „Und?“ Da wurde dann über das ein oder andere Bild kurz diskutiert, aber nicht so, wie ich es zuerst erwartet hatte. Stehen geblieben sind wir bei der Frage: „Was soll der Film uns sagen?“ Und keiner hatte darauf eine Antwort, die zufrieden gestimmt hatte. Denn als Fazit zu ziehen, dass die Welt schlecht ist, ist weder neu, noch innovativ. Und ratlos stehen lassen, dass sollte weder ein Buch noch ein Film den Leser oder Zuschauer.